Cover "Am Ende der Reise"
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Wie verbringt man die letzten Tage mit seinem kranken Vater, der sich für Sterbehilfe entschieden hat? Das ist die Frage, die Edward Docx seinem jüngsten Roman zugrunde legt. Berührend, aber nicht traurig, meint unsere Büchercheckerin.

Worum geht es?

"Am Ende der Reise" ist ein Reiseroman. Aber zugleich auch ein Familienroman, denn diese Reise ist eine besondere: Louis’ Vater hat ALS und fährt mit seinem Sohn im schepprigen Familien-VW-Bus von London nach Zürich, um dort mit Hilfe der Organisation Dignitas einen begleiteten Suizid zu begehen. Unterwegs steigen noch Louis’ ältere Zwillingsbrüder zu und im Laufe der folgenden Tage erleben die vier Männer einige kleinere Abenteuer, die sie zusammenschweißen. Und sie erfahren jede Menge intensiver Momente mit den anderen und sich selbst.

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Am Ende der Reise
von Edward Docx
Kein & Aber
25,00 EUR (512 Seiten)
ISBN: 978-3-0369-5765-4

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Wer hat es geschrieben?

Edward Docx, Jahrgang 1972, ist Journalist und Kritiker. Auf Deutsch erschienen ist bisher der Roman "Der Kalligraph", und nun "Am Ende der Reise". Was mir so gut gefällt: dass wir es hier nur mit Männern zu tun haben! Schon eine Frau dazwischen hätte den Ton und den ganzen Ablauf verändert. Alle vier trauern, sie trinken eine Menge, schmeißen sich auch mal aggressive Dinge an den Kopf, werden aber nie pathetisch oder peinlich. Sie gehen mit dem Thema Tod auf eine männliche, eher sarkastische Weise um. Mit der Zeit kommen aber immer mehr Gefühle raus, und das tut ihnen gut.

Wie ist es geschrieben?

Man könnte denken, das sei ein trauriger oder dunkler Roman. Aber das Gegenteil ist der Fall: "Am Ende der Reise" funkelt nur so vor Lichtblicken! Edward Docx schreibt flüssig, farbig, witzig, sehr pointiert. Fast alles Traurige oder Pathetische bricht er ironisch auf. Es gibt ernste Szenen, was aber überwiegt, sind die witzigen. Die komischen Erzählungen und Situationen, die mit einem bitteren Familienhumor gespickten Erinnerungen. Und vor allem die absurden und bis zum Zynischen reichenden Dialoge unter den Brüdern.

"Was ist mit dir?" frage ich. "Mit wem bist du zusammen?" "Mit jedem. Mit allem. Mit niemandem." "Wie fühlt sich das an?" "In geschlechtlicher Hinsicht sehr befriedigend. In intellektueller Hinsicht erfüllend. In spiritueller Hinsicht einsam." "Vielleicht bist du einfach ein frustrierter Monogamist." "Das hab ich auch schon ausprobiert. Fühlt sich an wie Sterben… Dad, wie fühlt sich Sterben an?"

Wie gefällt es?

Es wird sehr viel geredet in diesem Roman - was sollen die Männer sonst auch tun auf ihrer Fahrt? "At his best" ist Edward Docx in den Dialogen. Die sind schlagfertig, scharfsinnig, spitzfindig, komisch. Oft vieldeutig, manchmal aggressiv, dann wieder sehr behutsam. Da geht es um alles, um Leben und Tod, Liebe und Glück, Zufriedenheit und Identität. Mir kommt Edward Docx’ Roman vor wie eine an langen Seilen hin und her schwingende Hängebrücke. Man blickt in den Abgrund – aber die Heiterkeit der Sprache und der spielerische Umgang mit den großen Themen tragen uns über diesen Abgrund hinweg.

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Sendung: hr-iNFO, 30.11.2017, 16:10 Uhr

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