Autoschlangen auf der Autobahn

Es sieht so aus, als ob Deutschland das Klimaziel doch erreicht. Nicht dank strengerer Auflagen, nicht dank CO2-Steuer, sondern: dank Corona. Liegt in der Corona-Krise vielleicht eine große Chance für die Umwelt und den Klimaschutz?

Anders wirtschaften – genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür, sagt Benjamin Stephan, Verkehrsexperte bei Greenpeace. Die Krise sei eine Riesenchance. "Es wurde alles auf Halt gestellt, die Menschen sind zu Hause geblieben, es wurden viele Sachen nicht so produziert und konsumiert. Und wir konnten uns nicht so durch die Gegend bewegen, wie wir das bisher getan haben", so Stephan. Vieles, was problematisch war, könne man jetzt neu denken.

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Das sieht Ulrich Klüh vom Zentrum für Nachhaltige Wirtschafts- und Unternehmenspolitik an der Hochschule Darmstadt ähnlich. Er findet bemerkenswert, "dass wir sehen: Es ist möglich, radikal umzusteuern. Es ist möglich, neun von zehn Flügen zu streichen, ohne dass die Welt gleich untergeht. Und es ist möglich, für den Staat erhebliche Ressourcen zu mobilisieren, um in einer Krise tätig zu werden."

Homeoffice als Chance für den Klimaschutz

Einiges hat sich durch die Krise bereits geändert, sagt Benjamin Stephan von Greenpeace – Stichwort von zu Hause arbeiten. Bei vielen Unternehmen habe es Skepsis gegeben gegenüber dem Homeoffice. Dann sei man aber von heute auf morgen dazu gezwungen gewesen.

"Und damit ist jetzt auch eine Chance da für all die Menschen, in deren Alltag das möglich ist." Wenn sie nach der Krise weiterhin ein bis zwei Tage pro Woche von zu Hause aus arbeiteten, würden viele Pendelkilometer wegfallen - "und damit auch viele CO2-Emissionen. Und das ist eine Chance für den Klimaschutz."

Umweltfreundliche Verkehrswende dank Corona?

 Noch stärker als der Autoverkehr ist in der Corona-Zeit der Flugverkehr zurückgegangen – zeitweise um rund 90 Prozent in Europa. Urlaubs- und Dienstreisen fielen aus, viele Menschen würden Deutschland wieder als Urlaubsland entdecken. Bei den Dienstreisen würden viele Unternehmen gerade merken: "Das funktioniert mit der Videokonferenz und ist auch noch deutlich günstiger. Auch hier gibt es eine große Chance", sagt Stephan.

Umweltfreundlichere Mobilität – Corona könnte hier in vielerlei Hinsicht zum Wendepunkt werden, sagt Ulrich Klüh, vor allem weil die Staaten jetzt ohnehin für die Konjunkturpakete viel Geld in die Hand nehmen. Der Verkehr sei dabei vielleicht der zentrale Bereich, weil hier "der Staat jetzt in vielerlei Hinsicht überall seine Finger im Spiel hat: Bei der Deutschen Bahn, bei der Lufthansa, bei Volkswagen, im Straßennetz - und so tatsächlich eine ganzheitliche Nachhaltigkeitswende einleiten kann", so Klüh.

Infragestellung des Wirtschaftssystems

Es gibt aber – auch in den Wirtschaftswissenschaften – Stimmen, die unser Wirtschaftsmodell noch viel radikaler in Frage stellen, die für Genügsamkeit und Verzicht plädieren und ein Wirtschaften ohne Wachstums-Zwang fordern. Solche Ideen werden oft unter dem Stichwort "Postwachstums-Ökonomie" diskutiert. Haben uns die vergangenen Wochen schließlich nicht gelehrt, viele immaterielle Dinge mehr zu schätzen – den Spaziergang an der frischen Luft statt den x-ten Shopping-Trip? Den Austausch mit Freunden statt Action und Konsum?

Der Darmstädter Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Klüh ist skeptisch: "Gerade jetzt, wo viel Verzicht angesagt ist, werden wir danach nicht eine Situation haben, wo die Leute für noch mehr Verzicht Bereitschaft zeigen werden", meint er. Deswegen sei jetzt wohl nicht der Moment, "auf einen Postwachstumspfad einzusteuern. Wir werden jetzt erstmal Dinge machen müssen, die eine Erholung der Wirtschaft verursachen müssen. Und diese Erholung muss eine grüne Erholung sein", sagt Klüh.

Wenn das gelingt, dann könnten die Klima-Emissionen künftig weiter sinken – auch wenn die Wirtschaft wieder wächst.

Sendung: hr-iNFO Aktuell, 13.5.2020, 15-18 Uhr

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