Weihnachten steht vor der Tür und viele Menschen machen sich Gedanken, wie sie mit älteren Angehörigen umgehen sollen: die Familie einfach nicht treffen oder sie dem Risiko einer Corona-Infektion aussetzen? Die Tübinger Notärztin Lisa Federle bietet kostenlose Schnelltests an.

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Die DRK-Kreisvorsitzende und Ärztin Dr. Lisa Federle bereitet sich fuer die Corona-Tests auf dem Tuebinger Marktplatz vor.
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Wenn sie mit ihrer Teststation vor dem Tübinger Rathaus steht, sieht Lisa Federle mit ihren langen blonden Haaren aus wie ein Weihnachtsengel. Das bekommt sie in diesen Tagen oft gesagt: "Aber ich stehe ja nicht alleine dort, ich stehe dort mit einem tollen Team", sagt die 59-Jährige in Das Interview bei hr-iNFO bescheiden. "Alle arbeiten ehrenamtlich und ich finde das einfach klasse."

So kann der Enkel doch zu Weihnachten kommen

Das mobile Spendenprojekt ist für Angehörige, die in der Weihnachtszeit ihre Verwandten besuchen wollen, sagt Federle. Es koste keinen Cent und niemand aus ihrem 20-köpfigen Team verdiene daran. "Die Menschen sind einfach berührt und freuen sich, dass andere an sie denken und mitdenken, dass sie nicht allein Weihnachten feiern müssen."

Sie habe etwa einen Anruf von einer alten Frau erhalten die erst einmal richtig geweint habe und fragte, ob sie ihren Enkel vorbeischicken dürfe, damit der an Heiligabend zu Besuch kommen könne, erzählt Federle. "Sie war so glücklich, weil sie nicht wusste, ob das vielleicht ihr letztes Weihnachten ist." Ihr Enkel wäre nicht gekommen, wenn er die Sicherheit durch den Schnelltest nicht gehabt hätte.

100 bis 200 Menschen stehen in unterschiedlichen Schlangen vor dem Schnelltest-Bus in Tübingen. Ein Ordnungsdienst passt auf. Abgesehen davon verhalten sich ohnehin alle völlig zivilisiert, sagt Federle: "Da schimpft auch niemand, im Gegenteil, die sind alle total dankbar." Einen künstlichen Menschenauflauf gäbe es nicht.

Schnelltests bieten "gewisse Sicherheit"

Schon im Frühjahr hat die Ärztin angefangen, in den Altersheimen zu testen: "Gleich auf der ersten Station waren 17 Menschen positiv, davon sind auch einige verstorben." Dann kam ziemlich schnell der Lockdown für die Heime und man durfte nicht mehr hinein: "Dann haben mich völlig verzweifelte Leute angerufen." Viele konnten wochenlang den Ehemann nicht besuchen, Krankengymnasten konnten sich nicht mehr um Schlaganfallpatienten kümmern, die Kranken kamen nicht mehr aus dem Rollstuhl.

Schon damals hat Federle über die Schnelltests nachgedacht. "Weil das die einzige Chance ist, eine gewisse Sicherheit zu bieten und keinen knallharten Lockdown in Heimen durchzuführen." Sie habe Patienten erlebt, die einfach aufgehört hätten, zu essen, und sagten, sie hätten nichts mehr vom Leben und wollten auch nicht mehr leben, wenn sie abgeschnitten seien von ihren Angehörigen.

Federle hilft schon seit Jahren

Federle setzt sich nicht zum ersten Mal für die Schwachen der Gesellschaft ein. 2015 hat sie einen Bus zur mobilen Arztpraxis umgebaut, um Geflüchtete kostenlos zu behandeln. Danach kam der Bus für die Obdachlosenhilfe zum Einsatz, jetzt sind die Corona-Schnelltests dran. Die Aktion hat Nachahmer gefunden. Das Land Baden-Württemberg hat 50.000 Schnelltests aus der Notreserve zur Verfügung gestellt, damit in 25 weiteren Städten unkompliziert getestet werden kann. "Ich würde mich freuen, wenn es auch vom Bund übernommen wird", sagt Federle.

Von einer Sache rät die engagierte Ärztin allerdings ab, nämlich die Schnelltest selbst zuhause durchzuführen. "Wenn sie diesen Test nicht wirklich richtig durchführen - das heißt, sie müssen bis ganz nach hinten ran – dann hat er ein falsches Ergebnis. Das sollte geschultes Personal machen, das medizinische Fachkenntnisse hat." Ein falsch-negatives Ergebnis würde Menschen in einer falschen Sicherheit wiegen: "Das kann dann fatal enden."

Das Interview führte Juliane Orth

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 20.12.2020, 7.35 Uhr

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