Die Corona-Pandemie macht Kindern und Jugendlichen besonders zu schaffen. Die Ärztin Amelie von Ditfurth warnt vor psychischen Schäden beim Nachwuchs – und fordert frühere Impfungen für Lehrerinnen und Erzieher.

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Amelie von Ditfurth
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Amelie von Ditfurth vermisst in der Corona-Krise Solidarität. Solidarität mit Kindern und Jugendlichen. Seit Beginn der Pandemie hat sich die Arbeit der Oberärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie & Psychosomatik in Offenburg dramatisch verändert. Immer mehr Kinder und Jugendliche brauchen dringend Hilfe, es gibt immer mehr psychiatrische Notfälle. "Ich habe zwei Sorgen", erklärt von Ditfurth in Das Interview von hr-iNFO. "Dass Kinder, die sowieso schon gefährdet sind, noch schwerer erkranken; und dass Kinder, die eigentlich gar nicht in die kinderpsychiatrische Betreuung müssten, dass wir von denen mehr sehen."

Die Sorge der Medizinerin ist gut begründet. Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat gerade erst gezeigt, dass ein Jahr nach Pandemiebeginn etwa jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten zeigt. Vor der Krise war es nur jedes fünfte Kind. "Wir hatten gegen Ende 2020 rund 40 Prozent mehr Notfallkontakte in der Klinik als im Jahr zuvor", erzählt von Ditfurth zudem aus ihrer eigenen Erfahrung. "Wir haben monatelange Wartezeiten auf einen Platz, Ende des Jahres hatten wir keinen akuten Notfallplatz mehr frei."

Tipps für die Eltern, Impfungen für die Erzieher

Kinder und Jugendliche haben drei "Entwicklungsbereiche", erklärt die Ärztin: Familie, Schule und Freizeit. Zwei dieser drei Bereiche fallen derzeit unter den Tisch oder sind zumindest nur sehr eingeschränkt verfügbar. Im Prinzip müsste die Familie alles aufgefangen – was aber schier unmöglich ist. "Die Kräfte der Familien sind erschöpft", weiß von Ditfurth. Gemeinsam mit einer Kollegin und einem Kollegen aus Offenburg hat die Oberärztin deshalb einen offenen Brief verfasst: "Wir fordern Solidarität für unsere Kinder" [Hier können sie den Brief herunterladen [PDF - 254kb]].

Die Eltern müssten Tipps und Handreichungen bekommen, wie sie dem Nachwuchs durch die Krise helfen können. "Da hat keinerlei Aufklärung stattgefunden. Das hat mich sehr besorgt", so von Ditfurth. Es müssten endlich Konzepte her, um die Schulen und Kitas wieder dauerhaft zu öffnen, um die Familien zu entlasten. Bloßer "Wechselunterricht" reiche dafür nicht aus. Außerdem plädiert die Oberärztin dafür, Lehrer und Erzieher früher zu impfen, "weil sie systemrelevant sind und hauptsächlich dafür sorgen können, dass die Kinder psychisch gesund durch diese Pandemie kommen."

Weitere Informationen

Hilfe bei Suizid-Gedanken

Wenn Sie verzweifelt sind und in einer bedrückenden Lebenssituationen keinen Ausweg sehen: Suchen Sie sich Hilfe bei anderen Menschen. Das kann ein Gespräch mit Familienangehörigen oder Freunden sein. In seelische Krisen könne man immer wieder mal geraten, das sei nichts Unnormales, sagen Psychologen. Deshalb gibt es Hilfe und professionelle Beratungsangebote. Hier können Sie auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unter der Rufnummer 0800/1110111 erreichbar.

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Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 17.02.2020, 19.35 Uhr

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