Bärbel Schäfer

In der Pandemie haben wir alle gespürt, was es heißt, Kontakte einzuschränken und sich zu isolieren. Aber für viele ist das Alltag, auch ohne Corona. Studien zeigen: Immer mehr Menschen in Deutschland sind von Einsamkeit betroffen, vor allem jüngere. Moderatorin und Autorin Bärbel Schäfer begab sich auf Spurensuche nach der Einsamkeit auch in ihrem eigenen Leben. Ein Gespräch über Scham, erfüllende Begegnungen und Hunde als Zuhörer.

Es waren die Mails einer Bekannten, die Bärbel Schäfer während des Lockdowns auf ihrem Computer wiederfand und die sie „mit einer großen Wucht“ berührten und mit dem Thema Einsamkeit konfrontierten. Die junge Grundschullehrerin Ava schrieb ihr zum Beispiel, „dass sie stundenlang an einem Faden dreht, der an einem Teppich ist, weil sie auf einem Fußboden sitzt und die Wände anstarrt“, erzählt Bärbel Schäfer. Die Frau hocke in ihrer Wohnung und warte praktisch die ganze Zeit darauf, dass das Glück an ihre Tür klopft. Sie habe völlig verlernt, sozial aktiv zu sein.

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Bärbel Schäfer: "Einsamkeit ist eine stille Krise"

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„Ich bin einer Frau begegnet, die über eine lange Phase sich selbst keinen Trost schenken konnte und auch selbst keinen Zugang hatte zu anderen Menschen“, sagt Bärbel Schäfer, „und diese Begegnung war sehr rau und sehr sperrig und die hat mich innehalten lassen und sie hat mich zutiefst verstört und genau deshalb wollte ich hinschauen.“ Vielleicht auch, weil die bekannte Moderatorin des „Sonntagstalks“ bei hr3 ein ganz anderer Typ Mensch ist und allein schon durch ihren kommunikativen Job leicht Zugang zu anderen findet und viele Kontakte hat.

Nach Einsamkeit im eigenen Leben geforscht

Bärbel Schäfer begann zu recherchieren zum Thema, führte Interviews mit Wissenschaftler*innen, nahm während der ersten zwei Corona-Lockdowns als Probandin an einer Einsamkeits-Studie der Ruhr-Universität Bochum teil und schrieb ein Buch: „Avas Geheimnis“. Durch die Beschäftigung mit dem Thema habe sie auch nach Einsamkeit in ihrem Leben geforscht. Sie fühle sich einsam, wenn sie antisemitisch beleidigt werde und wenn sie an die Trauer um ihren Bruder denke, der bei einem Autounfall ums Leben kam, sagt die Moderatorin und Autorin: „Aber ich glaube, die stärkste Phase meiner Einsamkeit hatte ich, als sich meine Eltern haben scheiden lassen und sicherlich auch als Jugendliche diese Phase: Wer werde ich sein? Ich bin so lost. Wo komme ich an? Wo kann ich mich zeigen mit meinen Stärken und Schwächen?“

Erst beim Schreiben sei ihr bewusst geworden, dass sie sich als Kind oft einsam gefühlt habe und ihre Gefühle und Ängste am besten den Hunden aus der Nachbarschaft anvertrauen konnte. „Die Hunde waren mein Ventil, weil ich mir nichts mehr gewünscht habe als einen Hund, aber keinen bekommen habe.“ Heute gehört Mischlingshund Snoopy zu ihrer Familie, mit dem sie bei langen Spaziergängen im Wald zur Ruhe kommt.

Einsamkeit ist keine Frage des Alters

Was sie bei Ihrer Recherche sehr überrascht habe: Einsamkeit ist keine Frage des Alters. „Es sind acht Millionen Menschen in unserem Land, die sagen: Ich fühle mich oft oder immer einsam. Wir haben 22 Millionen Singles in Deutschland und die größte Gruppe ist erstaunlicherweise diejenige der Aktiven, die das Leben aufbauen Ende 20 bis Mitte 40.“ Eine repräsentative Studie aus dem Jahr 2019 (durchgeführt von Statista.com) hatte ergeben, dass die Bevölkerungsgruppe der jungen Erwachsenen sogar am stärksten unter Einsamkeit leidet. 23 Prozent zwischen 18 und 29 Jahren gaben an, sich ständig oder häufig einsam zu fühlen.

Bärbel Schäfer mit hr-iNFO-Moderatorin Mariela Milkowa

Woran kann das liegen? „Begegnung bedeutet immer auch Reibung“, sagt Bärbel Schäfer, „wenn man viel im digitalen Raum unterwegs ist, haben wir diese tatsächliche Reibung nicht, dieses tatsächliche sich einlassen. Und viele von den jüngeren sind in einem digitalen Raum. Das kann ein Argument sein, dass man ungeübt wird im sozialen Miteinander.“

Einsamkeit kann krank machen

Aber wo hört allein sein auf und wo fängt Einsamkeit an? Auch mit dieser Frage hat sich Bärbel Schäfer intensiv auseinandergesetzt. „Einsamkeit beginnt dann, wenn in deinem intimsten Zirkel niemand da ist, dem du dich zeigen kannst, so wie du bist“, sagt sie. Zu diesem intimen Zirkel gehörten maximal fünf bis sechs Personen, wie der Partner oder die Partnerin, Geschwister, Freunde oder Kinder. Einsamkeit sei eine unfreiwillige Situation, die auch krank machen könne. Dabei kann zum Beispiel das Immunsystem geschwächt werden und chronische Einsamkeit kann Schlafstörungen verursachen und sogar Herzinfarkte begünstigen. Depressionen, Angst und Scham können zu den psychischen Auswirkungen gehören. 

Andere Länder in Europa hätten schon schon längst erkannt, dass es ganz wichtig für die Gesellschaft sei, darauf zu schauen, meint Bärbel Schäfer. Großbritannien habe zum Beispiel seit 2018 ein Ministerium für Einsamkeit und in den Niederlanden gibt es im Supermarkt „Plauderkassen“, wo man nach dem Einkaufen noch einen Plausch halten könne.

Besser hinschauen

Einsamkeit empfindet allerdings jeder anders: Man kann sich auch in der Gruppe und in der Beziehung sehr einsam fühlen. Auf der anderen Seite können viele Menschen auch gut allein sein, ohne sich dabei einsam zu fühlen, und das als Glück empfinden. Diese Erfahrung hat Bärbel Schäfer zum Beispiel mit ihrer Mutter gemacht, die vor zehn Jahren in die Nähe der Familie nach Frankfurt gezogen sei und keinen großen Freundeskreis habe. Erst als sie mit ihrer Mutter über das Thema Einsamkeit sprechen konnte, habe sie verstanden, dass es der alten Dame damit gut gehe, sagt Bärbel Schäfer: „Das anzunehmen, ist dann meine Herausforderung, nicht andauernd mit einem Vorschlag zu kommen, mach doch dies, mach doch das, der eigentlich gar nicht gewollt ist. Das hat mich die Recherche auch gelehrt.“

Bärbel Schäfer möchte Mut machen, sich gegen Einsamkeit zu engagieren und besser hinzuschauen - auch wenn sich unsere Gesellschaft seit einiger Zeit im Krisenmodus befindet und andere Themen im Vordergrund sind: „Flut, Krieg, Flüchtlinge, die kommen, das sind offensichtliche Krisen. Und das andere ist eine stille Krise – da muss man schon die Antennen etwas feiner ausführen.“

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Hilfsangebote

Wenn Sie sich einsam fühlen und mit jemandem sprechen möchten, können Sie sich an eine dieser Nummern wenden:

  •  Telefonseelsorge: 0800 1110111 oder 0800 1110222 - ein anonymes Angebot der evangelischen und katholischen Kirchen
  • Muslimische Telefonseelsorge: 030-443 509 821
  • Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
  • Das Silbertelefon ist eine Initiative des gemeinnützigen Vereins Silbernetz e.V. Unter der kostenfreien Nummer 0800 470 8090 können sich alle Personen über 60 Jahre melden, die jemanden zum Reden brauchen.
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