Carola Rackete

Wir sind die letzte Generation, die die Klimakatastrophe noch verhindern kann, warnt Carola Rackete. In die Politik setzt sie dabei aber keine Hoffnungen mehr.

Sehr klar, sehr selbstbewusst, aber fast nie laut – so sitzt Carola Rackete vor dem Mikrofon im ARD-Hauptstadtstudio. Knallblaues T-Shirt des britischen Polarforschungsprogramms, ein handgestricktes Band über den langen Dreadlocks. Sie spricht über ihr Buch "Handeln statt Hoffen – Aufruf an die letzte Generation" und erzählt, dass sie als Jugendliche überhaupt kein Interesse daran hatte, die Welt zu retten. Sie wollte jahrelang vor allem eins: am Computer  World of Warcraft spielen. Und das sei auch okay gewesen, sagt die 31-Jährige im Rückblick: "Ich glaube, das ist eigentlich ganz normal. Und es soll zeigen, dass es für jeden Menschen die Möglichkeit gibt, etwas in seinem Leben zu verändern und man auch damit einfach morgen anfangen kann."

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Rackete
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Statt World of Warcraft hieß es für Rackete bald Studium, erst Nautik, dann Klimaschutzmanagement. Sie fuhr auf Containerschiffen und bei Polarexpeditionen mit. Und das, obwohl sie die Seefahrt nie gemocht habe, sagt sie. Wirklich radikal änderte sich ihr Leben im vergangenen Sommer: Sie wurde weltweit bekannt, weil sie als Kapitän des Seenot-Rettungsschiffs "Sea-Watch 3" dutzende Migranten aus dem Mittelmeer rettete und schließlich gegen das Verbot der italienischen Regierung in den Hafen der Insel Lampedusa einlief. Dass sie oft auf diese 21 Tage auf der Sea-Watch reduziert wird, ärgert Rackete, "Das, was ich eigentlich mache, ist etwas ganz anderes", sagt sie.

"Unsere Gesellschaft ist darauf nicht ausgerichtet"

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„Die Generation, die jetzt in den Industrienationen am Leben ist, ist die letzte, die wirklich effizient etwas gegen die Klimakrise unternehmen kann.“ Zitat von Carola Rackete
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Rackete ist als Klima- und Naturschützerin aktiv, engagiert sich unter anderem bei der umstrittenen Gruppe "Extinction Rebellion", die mit zivilem Ungehorsam wie zum Beispiel der Blockade von Straßen und Flughäfen Druck auf die Politik machen will. Und Druck sei dringend nötig, warnt Rackete. "Die Generation, die jetzt in den Industrienationen am Leben ist, ist die letzte, die wirklich effizient etwas gegen die Klimakrise unternehmen kann. Sie sind die letzten, die wirklich diese Klimakatastrophe noch verhindern können, wenn wir eben jetzt drastisch und sofort etwas verändern." Wenn die sogenannten Kipppunkte erreicht würden, werde sich die Erde immer weiter erwärmen.

Rackete spricht von drei bis fünf Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts, selbst wenn man die CO2-Emissionen auf null bringen könnte: "Kein Wissenschaftler weiß, wie viele Menschen dann auf dieser Erde noch leben können." Das sei eine Katastrophe: "Es wird dann möglicherweise zu einem Kollaps der sozialen Systeme kommen, wenn wir eine solche Temperaturerwärmung haben, weil unsere Gesellschaften nicht darauf ausgerichtet sind."

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Buchtipp:

Carola Rackete: "Handeln statt Hoffen"
Droemer HC, 176 Seiten
16 Euro

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"Sozial total ungerecht"

In die Politik setzt die junge Frau beim Thema Klimaschutz keine Hoffnungen mehr. Mit deutschen Politikern geht sie hart ins Gericht. Die meisten würden nur an ihre Wiederwahl denken und daran, nach ihrer Zeit im Bundestag Aufsichtsratsposten in großen Unternehmen zu bekommen. Es gehe ihnen nicht darum, Entscheidungen im Interesse der Mehrheit der Bürger zu treffen.

Das Klimapaket der Bundesregierung findet Rackete nicht nur deshalb problematisch, weil sie nicht sieht, dass es ausreicht, um den Klimawandel zu stoppen. Sie kritisiert auch, es sei "sozial total ungerecht", weil es zu Lasten von Geringverdienern gehe. Sie könnte sich höhere Steuern für Unternehmen und eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer vorstellen, um mehr Klimaschutz zu finanzieren.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 01.11.2019, 19.35 Uhr

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