Colson Whitehead Imago

Colson Whitehead ist 50 Jahre alt, Harvard-Absolvent, ein Darling der amerikanischen Literaturszene, ein Schwarzer mit Dreadlocks. Er schreibt über Rassismus, ist aber selbst Teil der Kulturelite.

Fühlt sich der Literat Colson Whitehead im Alltag diskriminiert? "Die letzten Jahre hatte ich einen guten Lauf", sagt Whitehead. "Ich habe Glück gehabt. Seitdem ich in der Literaturszene bin, erfahre ich keine Alltagsdiskriminierung mehr. Ich sitze in meinem Haus und arbeite. Aber wenn ich in einen Aufzug einsteige und darin befindet sich eine weiße Person, spüre ich oft, wie derjenige erschrickt, weil ein Schwarzer den Aufzug betritt. Aber das ist Routine."

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"Die Nickel-Boys"

Whiteheads neues  Buch "Die Nickel Boys" spielt 1963 in Florida, auf dem Höhepunkt der Jim Crowe-Gesetze: Gesetze, die das umfassende System der Rassentrennung in den USA aufrecht erhalten sollten. Die Sklaverei war zwar abgeschafft, aber durch diese Gesetze wurde das System der Unterdrückung auf andere Weise weitergeführt, sagt Whitehead. In den 60er Jahren durften Schwarze in den Südstaaten wählen - theoretisch, wurden in der Praxis aber oft abgehalten: "Es gab Alphabetisierungstests. Weiße wurden gefragt, wer ist der Präsident der Vereinigten Staaten? Richtig! John F. Kennedy. Und wenn ein schwarzer Wähler kam, wurde er gebeten, die Unabhängigkeitserklärung zu rezitieren."

In dieser Zeit, in der die Bürgerrechtsbewegung in den USA bereits am Horizont erschien, siedelt Whitehead die Geschichte seines Romanhelden Ellwood an. Der 16-Jährige bewundert Martin Luther King und lebt mit seiner Großmutter in Tallahassee. Als er einen Platz am College bekommt, scheint sein Traum von gesellschaftlicher Veränderung in Erfüllung zu gehen. Doch durch einen Zufall steigt er als Anhalter in ein gestohlenes Auto und gerät in eine Polizeikontrolle. Und obwohl er unschuldig ist, hat er keine Chance, einer Bestrafung zu entgehen.

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„Wenn du eine junge 'Person of Color' bist, kannst Du jederzeit von der Polizei gestoppt und verhört werden, weil Du mit der falschen Hautfarbe am falschen Ort bist.“ Zitat von Colson Whitehead
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Auf die Frage, ob das heute auch noch passieren könnte, erzählt Colson Whitehead, dass er selbst in seiner Jugend eine ähnliche Erfahrung gemacht hat: "Wenn du eine junge 'Person of Color' bist, kannst Du jederzeit von der Polizei gestoppt und verhört werden, weil Du mit der falschen Hautfarbe am falschen Ort bist." Als er jünger war, sei er mit seinen Freunden auch mal aufgehalten worden: "Uns wurden Handschellen angelegt und wir wurden zu einem Streifenwagen gebracht, weil drei Blocks weiter eine Frau überfallen worden war und ich der erste Schwarze war, den die Polizisten in der Umgebung gefunden hatte." Dass man als Afro-Amerikaner jederzeit seiner Freiheit beraubt werden könne, sei eine Folge der Sklaverei und der Jim Crow-Gesetze, die bis heute fortwirkten.

Strafanstalt mit anonymen Gräbern

Im Roman wird Ellwood in die Strafanstalt Nickel Academy gesteckt. Dort werden die Jungen missbraucht, gepeinigt und ausgenutzt. Die Nickel Academy hat es wirklich gegeben, sie wurde 1900 gegründet, um jugendliche Straftäter wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Aber bereits wenige Jahre nach der Gründung wird beobachtet, wie sechsjährige Kinder in Ketten gefesselt und in isolierte Zellen gesteckt werden. Es habe immer wieder Untersuchungen gegeben, sagt Colson Whitehead. Geschlossen wurde die Anstalt aber erst 2011.

Auf dem Gelände wurden damals 55 anonyme Gräber gefunden. Bei einer Untersuchung stellte man bei einigen Leichen Einschüsse im Oberkörper fest, andere hatten Schädelverletzungen. Es wurden immer wieder Morde vermutet, wenn Kinder verschwanden. Den Eltern wurde gesagt, die Kinder seien weggelaufen, aber wahrscheinlich liegen sie in diesem Massengrab. Als Whitehead 2014 davon in der Presse erfuhr, konnte er nur die Zeugenaussagen von weißen Insassen lesen, obwohl 60 Prozent der Jugendlichen schwarz waren. Zeugenaussagen von Schwarzen gab es keine.

Als die Geschichte mit den anonymen Gräbern publik wurde, berichtete die nationale Presse, aber das erzeugte keinen großen Aufschrei, sagt Colson Whitehead: "Die Wärter, die dort gearbeitet haben sind in Rente, bekommen Pensionen, einige sind sogar Bürger des Jahres in ihren Gemeinden." Sein Buch bringe nun etwas mehr Aufmerksamkeit für Nickel.

Trump, Rassismus und der Klimawandel

Als er mit dem Buch begann, hatten sich zwei schwere Fälle von Polizeigewalt ereignet: Es war der Sommer, in dem der schwarze Michael Brown in Ferguson Missouri und Eric Garner in New York von weißen Polizisten getötet worden waren. Für Whitehead erschien es so, als ob Polizeigewalt nie geahndet und nie jemand zur Rechenschaft gezogen würde: "Wir kriegen das nur mit, wenn es jemand auf seinem Handy aufnimmt. Aber wie oft wurden solche Fälle nicht dokumentiert?" Und Whitehead fragte sich, wenn es einen Ort wie die Nickel Academy gegeben hat, wie viele andere mag es noch gegeben haben, von denen niemand wusste?

Auch die Wahl Donald Trumps erklärt er sich teilweise mit rassistischen Einstellungen: Er vermutet, dass Trumps Wähler beim Slogan "Make America Great Again" an die 1950erJahre dachten, als das Land von Weißen regiert wurde und niemand sich um Schwarze zu scheren brauchte. Eine Hälfte des Landes werde immer rassistisch denken: "So ist die Welt", sagt Whitehead. Ist die Brutalität und die Gewalt im Land schlimmer geworden? "Es gibt nicht mehr Gewalt, es gibt nur mehr Handys, die das dokumentieren", sagt er. "Auch ein neues Teleskop entdeckt keine neuen Sterne, es entdeckt Sterne, die schon immer da waren."  Es gab immer Rassismus, und es wird ihn immer geben.

Whitehead hat zwei Kinder, die in New York leben. Was wünscht er sich für ihre Zukunft? Ein gutes Leben, sagt der Autor nachdenklich. So wie seine Eltern und Großeltern sich gewünscht haben, dass ihre Kinder in einer besseren Welt aufwachsen. Und hier spricht er nicht von Rassismus, sondern vom Klimawandel: "Ich hoffe, dass sie in 30 Jahren nicht in einer Höhle unter der Erdoberfläche leben, weil die Erderwärmung die Atmosphäre zerstört hat."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 25.10.2019, 19:35 Uhr

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