Frau bearbeitet Abstriche von Corona Tests

Das Ziel von Corona-Tests ist es, Infektionsketten zu unterbrechen. Immer wieder wird diskutiert und erforscht, welches Testverfahren das bessere ist - Antigen oder PCR. Wie funktionieren die jeweiligen Verfahren und wofür wird was gebraucht?

Den beiden Testarten liegen zwei unterschiedliche Ansätze für den Nachweis des Virus zugrunde: Der PCR-Test sucht in den Nasen- und Rachenabstrichen nach Erbgut des SARS-Coronavirus-2. Die Antigentests dagegen fahnden nach speziellen Eiweißmolekülen in der Oberflächenstruktur des Virus, also auf seiner Hülle.

Allerdings sind die bislang entwickelten Antigentests nicht so zuverlässig wie die PCR-Tests, erklärt Hendrik Borucki, Sprecher des Bioscentia-Labors in Ingelheim am Rhein – dem Labor, in dem auch viele der Proben für PCR-Tests aus Südhessen landen: "Mit der PCR kann ich geringere Virus-Mengen im Rachen-Abstrich nachweisen als mit dem Antigentest und er ist auch nicht so spezifisch. Das bedeutet, dass wir beim Antigen-Nachweis mehr falsch-positive Ergebnisse haben als bei der PCR."

WHO rät noch von Antigentests ab

Die Weltgesundheitsorganisation rät daher noch von der Nutzung der Antigentests ab. In den USA etwa sind sie aber bereits im Einsatz. Damit sie auch in der EU von Laboren, Kliniken und Arztpraxen genutzt werden dürfen, benötigen sie eine sogenannte CE-Zertifzierung für Medizinprodukte – also eine Art Sicherheitsprüfsiegel. Eine solche CE-Kennzeichnung hat der globale Pharmariese Abbott vergangene Woche für seinen Antigen-Schnelltest bekommen. In Hessen arbeitet das Darmstädter Unternehmen R-Biopharm noch daran.

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Eine Ärztin macht einen Coronatest
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Damit auch Privatpersonen die Tests nutzen können, müsste die deutsche Infektionsschutzbehörde – das Robert-Koch-Institut in Berlin – auf Antrag des Herstellers eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Das sei aber wegen des geringen Forschungsstands noch nicht angedacht, so das RKI auf Nachfrage von hr-iNFO.

Auch Hendrik Borucki vom Bioscentia Labor hält den Einsatz der Antigentests ohne medizinische Vorbildung für zu fehleranfällig – etwa wenn der Rachenabstrich nicht tief genug war: "Dann haben Sie eine zu geringe Virus-Menge, die Sie mit dem Schnelltest nicht unbedingt nachweisen können und damit ein falsch-negatives Ergebnis." Und damit die anhaltende Gefahr, dass die infizierte Person weitere Menschen ansteckt.

Zuverlässige Antigentests wären der "Game-Changer"

Anders schätzt das Sandra Ciesek ein. Die Leiterin des Virologischen Instituts der Universitätsklinik Frankfurt hält diese Gefahr der falschen Negativergebnisse für vertretbar. Denn der Vorteil liege im schnellen Ergebnis: Die Antigen-Schnelltests funktionieren ähnlich wie ein Schwangerschaftstest – das heißt, eine Infektion auf das SARS-Coronavirus-2 ließe sich auf einem präparierten Teststreifen nach 15 bis 20 Minuten erkennen.

Cieseks Team erforscht im Rahmen der von der Landesregierung Hessen finanzierten ‚SAFE SCHOOL Studie’ mit rund 1.000 Lehrkräften, inwiefern Antigen-Schnelltests die PCR-Tests sinnvoll ergänzen können: "Die PCR ist sehr sensitiv und erkennt halt auch viele, die nur eine ganz geringe Virus-Last haben und gar nicht mehr infektiös sind. Und wir wollen vor allem die rausfiltern, die das Potenzial haben, viele andere anzustecken, und da sind diese Antigentest eigentlich das Ideal."

Wenn diese Antigen-Schnelltests zuverlässige Ergebnisse liefern, sieht auch RKI-Präsident Lothar Wieler einen großen Nutzen im Kampf gegen die Pandemie: "Das ist natürlich der Game-Changer, wenn wir qualitativ hochwertige Antigentests haben. Das bringt uns eine große Bewegungsfreiheit."

Teil einer Notstrategie

Der Leiter der Virologie der Berliner Charité, Christian Drosten, prüft in seinem Labor seit einigen Wochen verschiedene Antigen-Schnelltests auf ihre Zuverlässigkeit – ein Schritt auf dem Weg zur erforderlichen CE-Zertifizierung und Aufgabe eines sogenannten Konsiliarlabors wie dem der Charité. Drosten sieht – ähnlich wie der Ingelheimer Biosentia-Laborarzt Borucki – die Antigen-Schnelltests eher als Instrument in den Händen von medizinischem Personal, etwa den Amtsärzten in den Gesundheitsämtern – als Teil einer Notstrategie, wenn Kapazitäten für PCR-Tests erschöpft sein sollten.

"Dass man dann sagen kann, jeder Amtsarzt in Deutschland und auch alle Amtsarzt-Helfer sind in der Lage, mit solchen Teststreifen zu den Patienten nach Hause zu gehen und zu sagen 'Wir machen mal schnell einen Test und wenn der negativ ist, dann können Sie morgen wieder zur Arbeit', dann ist das ganze Diagnostik-Drama mit der langen Proben-Laufzeit, der Überlastung der Labore und auch der Kosten in einem Abwasch gelöst", so der Virologe.

Bis dahin müssen laut Drosten allerdings noch einige Hürden überwunden werden: nicht nur wissenschaftlich, sondern auch juristisch und politisch – aber auch praktisch zur Sicherung der Produktion von ausreichend vielen Tests für Deutschland. Daher rechnet der Virologe frühestens im Dezember mit dem Einsatz von Antigen-Schnelltests in Deutschland.

Sendung: hr-iNFO, Das Thema, 15.09.2020, 06 bis 09 Uhr

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