Gerd Koenen
Bild © Christoph Mukherjee

"Achtundsechzig" ist längst ein Mythos, eine Chiffre - für die Zeit der Studentenrevolten, der freien Liebe und des Rock’n’Roll. Für die einen war es eine Kulturrevolution, für die anderen die Geburtsstunde des linken Terrors der RAF. Gerd Koenen war selbst mittendrin – und wurde vom Aktivisten zum Chronisten dieser Revolution.

2. Juni 1967. Gerd Koenen ist noch keine 23 Jahre alt, als sich sein Leben für immer verändert. Der gebürtige Marburger studiert gerade Romanistik, Geschichte und Politik in Tübingen – als er von den Ereignissen in West-Berlin erfährt. Bei den Protesten während des Schah-Besuchs wird der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen.

"Es war ein buchstäbliches Erweckungserlebnis", sagt Gerd Koenen in hr-iNFO Das Interview. "Man dachte, das ist der Beginn von etwas ganz Schrecklichem, das war nur der erste Schuss. Sie müssen bedenken: Notstandsgesetze – NS-Gesetze, es war für uns eben immer der Faschismus um die Ecke. Man lebte in gewisser Weise fast mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart."

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zum Artikel Gerd Koenen - Frankfurter Historiker

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Noch am gleichen Tag tritt Gerd Koenen in den SDS ein, den Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Der junge Mann, der den Kriegsdienst verweigert hatte, auf Ostermärsche gegangen war – beim SDS findet er Gleichgesinnte: Mit Hans-Jürgen Krahl in Frankfurt und Rudi Dutschke in Berlin teilt er sein Unbehagen über die Welt, wie sie war – zwischen Ost-West-Konflikt, Vietnam-Krieg, Ché Guevaras Ermordung und dem Trauma der Nazi-Zeit.

"Nur so als Studentenbewegung wird das nix"

Für Gerd Koenen geht "Achtundsechzig" immer weiter: Er absolviert damals das volle linksradikale Programm, vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund bis hin zu den maoistischen Zirkeln und Parteiinitiativen in den Siebzigern: "Man wurde eigentlich in einem großen Strom immer mitgetrieben", erzählt Koenen, "und es war schnell klar: nur so als Studentenbewegung wird das nix. Wir müssen über die Grenzen der Universität rausgehen, Betriebsagitation machen, in die Stadtteile rausgehen, und so weiter."

Für Gerd Koenen, der damals in Frankfurt studiert, heißt das: Doktorarbeit abbrechen, die bürgerlich-akademische Karriere riskieren. Stattdessen:  "revolutionäre Betriebsarbeit" bei Metallfabriken in Offenbach; Theoriebildung; Aufbau des Kommunistischen Bundes Westdeutschland KBW – sogar als Mitglied des Zentralkomitees. 

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Mi. 3.1.18 - 19:35 Uhr und 21:35 Uhr
Sa. 6.1.18 - 14:05 Uhr
So. 7.1.18 - 10:05 Uhr und 18:35 Uhr

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Seine Motivation: "Ich habe uns auch als eine Art von Weltuntergangssekte beschrieben, in dem Sinne, dass man immer fest davon ausging, dass das Ganze irgendwann auf einen großen Crash hinausläuft und dann kommen wieder Faschismus, Krieg und so weiter. Und dann muss es Leute geben, die wissen, wo es langgeht."

Der Mythos "Achtundsechzig" fasziniert bis heute

Bei den Frankfurter Häuserkämpfen mischt Gerd Koenen mit, kann aber mit der so genannten "Lederjackenfraktion" nichts anfangen. Diese Leute hätten geglaubt, sie könnten mit Pflastersteinen, Molotowcocktails und später mit Schusswaffen Politik machen, sagt Koenen. Nach den Frankfurter Kaufhausbränden im April 1968 seien Gudrun Ensslin und Andreas Baader - später Gründungsmitglieder der RAF - eine Weile herumgelaufen wie Popstars.

Aber haben die Linksterroristen "Achtundsechzig" verraten? Für Koenen nicht - irgendwie gehörten die auch dazu, so bitter das auch gewesen sei: "Wir waren in keinem emphatischen Sinne ein 'Wir, die Achtundsechziger, wir verteidigen das jetzt gegen Euch'. Wir sagten höchstens: Was für ein Schwachsinn, so einen Privatkrieg zu eröffnen!"

Bis heute fasziniert und polarisiert der Mythos "Achtundsechzig" die Deutschen. Es war eine Kulturrevolution, sagen die einen, ein Aufbruch in eine bessere Welt nach dem Krieg. Es war ein Flirt mit dem Kommunismus, die Geburtsstunde des linken Terrors der RAF, sagen die anderen.

Nostalgie ist Koenen fremd

Was das politische Erbe der 68er angeht – etwa die Mitbestimmung in den Betrieben, der Aufstieg der Grünen -, sieht Gerd Koenen sich und seine Generation gern als "Katalysatoren". Ebenso bei den Veränderungen im Alltagsleben, die "Achtundsechzig" mit sich gebracht hat. Nostalgie ist Koenen fremd.

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Literaturhinweise

Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 1967-1977, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 2002

Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2003

Traumpfade der Weltrevolution. Das Guevara-Projekt
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2008

Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus
C.H.Beck Verlag, München 2017

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Wenn allerdings der AfD-Politiker Jörg Meuthen vom seiner Meinung nach "links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland" spricht, lässt ihn das nicht ganz kalt: "Es ärgert mich höchstens als Historiker, dass jetzt die Bedeutung nochmal aufgeblasen wird. Jetzt sollen wir schon der Kern aller Weltübel gewesen sein, das ist ja nun völlig lächerlich."   

Gerd Koenen ist keiner, der gern im Schatten des Mythos "Achtundsechzig" leben möchte. In seinen Büchern rechtfertigt er nichts, denunziert aber die Vergangenheit auch nicht. Nur so konnte er zum Historiker seiner eigenen Lebensgeschichte werden – und sich den Kern von "Achtundsechzig" bewahren, bis heute. "Ich kann alle meine Motive von damals gut verstehen, es war ein magischer Moment, weil man dachte, alles was da draußen passiert, geht uns an", sagt er. "Dieses Weltgefühl hat mich geprägt und bis heute nicht ganz verlassen. Die Magie dieses Augenblicks, die gab es."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 03.01.2018, 19:35 Uhr

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