Wir investieren immer mehr in die Bildung. Aber gerechter macht das unsere Schulen nicht. Mit den Bildungschancen wächst auch die Ungleichheit und es entstehen neue Konflikte. Das ist die These des Soziologen Aladin El-Mafaalani.

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Aladin El-Mafaalani
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Wir kennen diese Klagen: Die Leistungen von Schülerinnen und Schülern werden immer schlechter. Schulen in sozialen Brennpunkten sind in der Krise. Mit Inklusion und Integration sind Lehrerinnen und Lehrer komplett überfordert. Deutschland im Bildungsnotstand! "Es gibt diese Vorstellung: Wir investieren in Bildung und lösen damit zwanzig Probleme auf einmal", sagt Aladin El Mafaalani. "Doch das geht an der  Realität vorbei. Die Bildungsexpansion ist kein Ausgleich von sozialer Benachteiligung."

El-Mafaalani ist Professor für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück und er liebt solche Paradoxien. Erklären kann er den scheinbar paradoxen Zusammenhang von Bildungschancen und gesellschaftlicher Ungleichheit ganz einfach: "Wenn sehr viele Leute ein sehr hohes Bildungsniveau haben und miteinander konkurrieren, dann sind plötzlich andere Dinge von Vorteil, zum Beispiel ein hohes Einkommen der eigenen Eltern oder Vitamin B, ein gutes soziales Netzwerk. Das sind beides Dinge, die sehr ungleich verteilt sind."

Keine Empfehlung fürs Gymnasium

El-Mafaalani hat die Ungerechtigkeiten des Bildungssystems selbst erlebt. Als Sohn syrischer Einwanderer kam er 1978 im Ruhrgebiet zur Welt. "Mit dem Namen Aladin in die Grundschule zu gehen, war ganz schön anstrengend", erinnert er sich. Eine Empfehlung fürs Gymnasium bekam er nicht. Erst sein Vater – ein Arzt – konnte durchsetzen, dass Aladin trotz des arabischen Migrationshintergrunds nicht auf die Hauptschule geschickt wurde.

El-Mafaalani wurde selbst Lehrer, doch das reichte ihm nicht. Er wollte die gesellschaftlichen Bedingungen von Integration und Bildung verstehen und wissenschaftlich erforschen. Ein gutes Jahr lang war er Abteilungsleiter im NRW-Integrationsministerium. Und er beschrieb die Widersprüche der Einwanderungsgesellschaft in seinem Bestseller "Das Integrationsparadox".

Konflikte positiv sehen

Auch in seinem neuen Buch "Mythos Bildung" kommt El-Mafaalani zu dem Schluss: Je mehr Menschen – auch Angehörige gesellschaftlicher Minderheiten – mit am Tisch sitzen und von dem gemeinsamen Kuchen essen wollen, desto größer werden die Konflikte – Verteilungskonflikte und auch Streit über das richtige Kuchenrezept. Da es aber ein Fortschritt ist, dass alle gemeinsam am Tisch sitzen, sollte man auch die daraus entstehenden Konflikte positiv sehen.

Ist er nun ein Pessimist oder ein Optimist? El-Mafaalani lacht und bezeichnet sich selbst als Realisten: "Wenn alle immer pessimistischer werden, erscheint der Realist als Optimist."

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 11.03.2020, 19.35 Uhr

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