Albrecht Vorster

Ein Drittel unseres Lebens verschlafen wir – ohne geht es nicht. Aber was passiert dabei in unserem Körper? Und wie viel Schlaf brauchen wir? Albrecht Vorster forscht zur Frage, weshalb wir die Ruhezeit brauchen und räumt mit Schlafmythen auf.

Der Biologe und Schlafforscher Albrecht Vorster verkörpert den Typ 'junger, lässiger Wissenschaftler'. Er berichtet auch als Science-Slammer anschaulich und unterhaltsam über seinen Alltag als Forscher.

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Albrecht Vorster mit Meeresschnecke
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Doch wenn er auf das Thema Schlaf und Schichtarbeit zu sprechen kommt, wird er sehr ernst. Wir wüssten zwar alle, wie "unglaublich ungesund" Schichtarbeit sei - nämlich so ungesund "wie zehn Zigaretten am Tag zu rauchen", aber es werde trotzdem nichts gegen die Vermeidung von Schichtarbeit getan.

Alarmierende Erkenntnisse zu Schichtarbeit

Bei der Recherche zu seinem Buch "Warum wir schlafen" stieß er auf alarmierende wissenschaftliche Erkenntnisse und berechnete: "Wenn wir 30 Jahre Schicht arbeiten, dann raubt uns das acht Jahre Lebenszeit." Oder anders ausgedrückt: "Für jede Minute, die ich schichte, verliere ich eine Minute Lebenszeit", fasst Vorster zusammen.  Das sei ein "ziemlich krasser Deal", findet der 34-jährige Schlafforscher und kritisiert, dass die Leute darüber nicht aufgeklärt würden.

Als Wissenschaftler sieht sich Vorster in der Pflicht, die Gesellschaft auch wachzurütteln: "Ist es moralisch vertretbar – nur damit Maschinen ausgelastet sind – andere Menschen ihrer Lebenszeit und ihrer Lebensfreude zu berauben?"

Menschen, die Schicht arbeiten, seien dadurch oft gesellschaftlich isoliert, ihre innere Uhr "auf den Kopf gestellt, und das führt dazu, dass sie depressiv werden". Vorster plädiert daher für strenge Regeln zum Schutz von Schichtarbeitenden. Kein Mensch sollte im ganzen Arbeitsleben mehr als sieben Jahre Schicht arbeiten, fordert er - denn dann fingen die schweren Gesundheitsprobleme an.

Schlaf festigt das Gedächtnis

Der Biologe, Schlafforscher und Science-Slammer fand über die Beschäftigung mit dem Bewusstsein zum Thema Schlaf. Faszinierend ist für ihn der Gedanke, dass der Schlaf, der ja auch als "kleiner Bruder des Todes" bezeichnet wird, das Gegenteil von Bewusstsein ist. Warum wir überhaupt schlafen müssen - die zentrale Frage der Schlafforschung -, ist noch gar nicht eindeutig beantwortet.

Klar ist, dass im Schlaf vor allem das Gedächtnis gefestigt wird. Wir müssen also schlafen, um neu gelerntes fest zu verankern und im Gehirn quer zu vernetzen. Albrecht Vorster promoviert gerade am Institut für medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie an der Uni Tübingen über die Gedächtnisbildung der Meeresschnecke. Die Meeresschnecke "Aplysia" eignet sich besonders gut für die Forschung, weil sie sehr große Nervenzellen hat und sich sogar "trainieren" lässt. Und auch sie schlummert sich schlau – wie wir Menschen.

Welche Schlafmythen sind zutreffend?

Im Interview räumt Albrecht Vorster auch mit diversen Schlafmythen auf, wie zum Beispiel "Acht Stunden Schlaf müssen sein" oder "Der Schlaf vor Mitternacht ist am besten".

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Schlafende Frau
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"Schlaf ist verteilt wie die Körpergröße. Manche brauchen ein großes T-Shirt in XXL, andere brauchen ein ganz kleines und die meisten kommen mit M oder L aus." Das individuelle Schlafbedürfnis unterscheide sich so stark, dass man keine allgemeine Regel aufstellen könne, sagt Albrecht Vorster von der Uni Tübingen. Die richtige Menge Schlaf könne jeder selbst am besten im Urlaub ermitteln.

Dass Menschen bei Vollmond schlechter schlafen, "scheint nicht zu stimmen", sagt der 34-Jährige. Eine andere volkstümliche Schlafregel findet er hingegen so überzeugend, dass er sie selbst fast täglich praktiziert: den Büroschlaf. "Ich mache meistens 15 Minuten Power-Nap. Das ist nach Studien das Beste. Danach fühle ich mich einfach wieder fit und kann richtig durchstarten."

Tipps zum Einschlafen

Auf die vieldiskutierte Frage, ob das eingeschaltete Handy auf dem Nachttisch den Schlaf negativ beeinflusse, gebe die Wissenschaft keine eindeutige Antwort. Es sei jedoch gut, Handy und Fernseher eine Stunde vor dem Schlafengehen auszuschalten.

Albrecht Vorster hat auch einen Tipp für alle parat, die Probleme mit dem Einschlafen haben: "Wir machen einen Termin mit uns selbst und schreiben am Küchentisch auf ein Blatt Papier, was uns gerade umtreibt", schlägt Albrecht Vorster vor. "Das beschert einem ein sorgenfreies Einschlafen."

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 6.9.2019, 19:35 Uhr

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