Kultusminister Alexander Lorz (CDU)

Wie bleiben Schülerinnen und Schüler trotz Krise nicht auf der Strecke? Diese Frage beschäftigt Hessens Kultusminister Alexander Lorz gerade besonders. Einige Entscheidungen wurden heftig kritisiert, andere gelobt. Aktuell plant Lorz, schwächeren Schülern mit Extra-Angeboten während der Sommerferien unter die Arme zu greifen.

Ich will Menschen in die Augen schauen, wenn ich mit ihnen rede, für mich ist diese ganze Corona-Zeit ganz schlimm, weil ich kaum unter Menschen gehen kann“, so beschreibt Kultusminister Alexander Lorz seine persönliche Gefühlslage nach vielen Wochen Kontaktbeschränkungen. Der Stresslevel sei bei ihm persönlich sehr hoch, „weil wir einfach auf völligem Neuland unterwegs sind“.

Ähnlich dürfte es auch vielen Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrerinnen und Lehrern gehen. Denn als am 16. März aufgrund der Corona-Pandemie die Schulen in Hessen komplett dicht gemacht wurden, stand plötzlich Homeschooling auf dem Programm. In 75 Jahren seit Ende des 2. Weltkriegs hat es das nicht gegeben. Ein Ausnahmezustand, der Schülerschaft, Lehrkräfte, Eltern und Verwaltung bis an die Grenze des Machbaren belastet. Auch wenn bis 2. Juni wieder alle Schüler und Schülerinnen zumindest teilweise an die Schulen zurückkehren sollen.

Digitale Entwicklung verschlafen?

Gerade jetzt zeige sich, meinen Experten, dass Hessen bei der digitalen Bildung schon vorher hätte mehr Gas geben sollen. Alexander Lorz verteidigt die hessische Bildungspolitik: „Mit einer solchen Situation hat einfach niemand gerechnet, wenn man es 2 oder 3 Jahre vorher gewusst hätte, dass wir keinen Präsenzunterricht halten können über Wochen und Monate hinweg – da hätten wir uns darauf ganz anders vorbereitet.“

Außerdem habe der Digitalisierungsprozess für den Normalfall nicht das Ziel, Präsenzunterricht zu ersetzen, sondern ihn zu bereichern und den Lehrern zusätzliche pädagogische Instrumente an die Hand zu geben. Zum Beispiel standen die jetzt heiß begehrten Videokonferenzsysteme nicht vorne auf der Agenda, doch „ jetzt in dieser Situation, ist das ein Tool, dass wir lieber heute als morgen hätten und wir sind auch mit Hochdruck da hinterher, sowas an unser Schulportal anzudocken.“ Denn Homeschooling wird auch künftig sehr wichtig bleiben, ist Alexander Lorz überzeugt, den „Notfallbetrieb“ für die über 750tausend Schülerinnen und Schüler in Hessen wird es nach seinen Worten noch relativ lange geben.

Leistungssternchen fürs Abitur

Rückblickend lobt der hessische Kultusminister die Arbeit der Schulen und der Lehrer. Besonders in dem Moment, als klar war, die Schulen müssen von heute auf morgen schließen, da standen alle Lehrer parat, sagte Lorz: „Da gab es nicht viele Rückfragen, da wurde einfach gemacht. Und dieses ‚wir packen es einfach an‘ das fand ich großartig“.

Ein „Leistungssternchen“ würde sich der Kultusminister selbst vergeben für die Durchführung der schriftlichen Abiturprüfungen noch im März, denn Hessen stand mit dieser Entscheidung als Bundesland allein da. Er habe dafür Prügel bezogen aber auch viel Lob bekommen von den Abiturientinnen und Abiturienten. Doch seitdem die älteren Jahrgänge der Abschlussklassen wieder in die Schule gehen, hagelt es auch Kritik von der Opposition im Landtag und auch von Lehrerverbänden – da wird berichtet, dass Abstandsregelungen aufgrund mangelnder Räumlichkeiten nicht eingehalten werden können, Schülerinnen und Schüler selbst Desinfektionsmittel von zu Hause aus mitnehmen müssen oder sich Schulen überfordert und mit der Ausnahmesituation allein gelassen fühlen, nicht zuletzt auch weil ein Teil der Lehrerinnen und Lehrer als Risikogruppe ausfallen. Viele fragen sich, wie das werden soll, wenn ab dem 18. Mai und dann sukzessive bis zum 2. Juni alle Schülerinnen und Schüler zumindest wochenweise wieder in ihre Klassen zurückkehren werden.

Angebote für schwächere Schüler

Kultusminister Alexander Lorz verteidigt dieses stufenweise Vorgehen bis zu den Sommerferien: Zwar fielen rund 15-20 Prozent der Lehrkräfte aus, weil sie etwa zur Corona-Risikogruppe gehörten. Dennoch sei ein eingeschränkter Präsenzunterricht besser als nichts. Man könne es sich nicht leisten, dass die Schülerinnen und Schüler erst Mitte August nach dann fünfmonatiger Abstinenz wieder zeitweise in die Schule zurückkehrten. „Wir sind in einem permanenten Abwägungsprozess“, sagt Lorz, „natürlich gehen wir ein gewisses kalkuliertes Risiko ein, wenn wir die Schulen wieder öffnen. Aber Schule hat ja auch einen Erziehungs- und Bildungsauftrag. Es ist bis zum gewissen Grade ein Experiment, das wir nicht zum Spaß machen, sondern weil wir keine andere Möglichkeit haben. Aber natürlich müssen wir uns erst einmal anschauen, wie das am 18. Mai funktioniert und von dort aus müssen wir dann weiter planen.“

Das übergeordnete Ziel sei es, alle vor den Sommerferien „wieder in den Rhythmus zu bringen, in den Prozess zu bringen, damit die Lehrer etwas haben, worauf sie nach den Sommerferien anfangen können, aufzubauen.“ Auch schwächeren Schülern will Lorz mit Extra-Angeboten während der Sommerferien unter die Arme zu greifen. Der Kultusminister sagte in hr-iNFO, es sei noch nicht entschieden, ob die Kurse verbindlich oder freiwillig seien. Derzeit eruiere der Land unter anderem mit der Goethe-Universität, wie solche Angebote genau aussehen könnten. Man plane analog zu den Ostercamps für versetzungsgefährdete Schüler eine Art Sommercamp.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 8.5.2020, 19:35 Uhr

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