Joachim Gauck

Altbundespräsident Joachim Gauck wird 80 Jahre alt - und blickt optimistisch in die Zukunft. Die Kinder und Jugendlichen der "Fridays for Future"-Bewegung zeigen eine Haltung, die ihm Hoffnung macht, sagt Gauck.

Joachim Gauck ist seit drei Jahren Altbundespräsident. Bis heute ist er der einzige Parteilose, der zum Bundespräsidenten gewählt wurde. In Rostock wurde er 1940 geboren, war dort zu DDR-Zeiten Kirchenfunktionär und sagt, die DDR habe ihn früh zu einem politischen Menschen gemacht. "Die Menschen sind zur Freiheit und Eigenverantwortung geboren und wenn ihnen in einer Diktatur diese Räume zur Freiheit und Eigenverantwortung nicht gegeben werden, sondern Aufstieg praktisch nur durch Gehorsam möglich ist, dann passt das nicht zu einem Menschen, der in der politischen Moderne lebt." Wie die DDR heute manchmal verklärt werde, gefällt ihm gar nicht.

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Joachim Gauck mit Isabel Reifenrath
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Viele meckern nur, statt sich politisch einzubringen

Gauck gehörte zur Demokratiebewegung und war Sprecher des Neuen Forums. In der Umbruchsituation 1989 sei es wichtig gewesen, den Menschen die Angst zu nehmen, sagt er. "Ich war ein Teil einer Bewegung und hatte aber die Möglichkeit, die Gefühle der Menschen zu artikulieren und konnte Worte finden, die die Menschen dazu gepusht haben, auf die Straße zu gehen." Das sei die wichtigste und schönste Zeit seines Lebens gewesen, niemals habe er sich wieder so lebendig gefühlt.

Heute beklagt er das fehlende Engagement der Bürger. Viele meckerten nur, statt sich politisch einzubringen. Demokratie und Freiheit werde als selbstverständlich gesehen. Zur politischen Debatte gehöre es nicht, Politiker pauschal zu verurteilen und sie im Netz und im richtigen Leben mit Hass und Häme zu überziehen.

In seinem Buch: "Toleranz: einfach schwer" schreibt er darüber, was die Gesellschaft tolerieren muss und wo die Grenzen der Toleranz liegen. Seine Lesungen sind sehr beliebt. Gauck machen sie von allen seinen Terminen am meisten Spaß, weil er hier das Gefühl hat, etwas bewegen zu können.

"Wir müssen unseren Konsum kritisch betrachten"

Dass die Kinder und Jugendlichen der "Fridays for future"-Bewegung für den Klimaschutz auf die Straße gehen, kann Joachim Gauck gut nachvollziehen. Er sagt, er mag es, wenn sich Menschen Gedanken machen und sich für zuständig erklären und daraus Konsequenzen ziehen: "Wenn Sie mich wochenlang bearbeiten würden, würde ich ihnen vielleicht auch versprechen, immer weniger Fleisch zu essen, denn letztlich gibt es starke Argument für Verzicht."

Der "Club of Rome", der sich seit 1968 für eine nachhaltige Entwicklung und den Schutz von Ökosystemen einsetzt, habe die Debatte über die Grenzen des Wachstums schon vor Jahrzehnten angeregt. Gauck sagt, wir müssen unseren Konsum kritisch betrachten und uns fragen, was wir wirklich brauchen.

Hoffnung für die Zukunft

Schuldig fühlt er selbst sich aber nicht. Die Art, wie er lebe, sei nicht besonders ressourcenschädlich. Den Generationenstreit zwischen Jung und Alt um das Klima hält er für richtig. "Einige Leute müssen einfach aufwachen und zu diesen einigen Leuten gehören sehr viele. Jeder muss sich fragen, ob er auch dazu gehört. Das löst die Klimabewegung aus." Das Thema Klimaschutz werde von den politischen Verantwortlichen und der Masse der Bürger nicht ausreichend ernst genommen. Deshalb habe er auch vollstes Verständnis dafür, dass die "Fridays for Future"-Bewegung allein für ihr Thema kämpfe.

Für Joachim Gauck sei die Haltung der jungen Menschen das Wichtigste. Die jungen Leute hätten das Gefühl, zuständig zu sein. Das sei kostbar und könne bedeuten, dass sie später Citoyens sein wollen und nicht nur Kunden. Zum Bürger sein gehöre es zu sagen: "Das ist mein Ding, meine Umwelt. Die Politik, die in diesem Land, in dieser Gemeinde, gemacht wird, gehört zu mir." Das zeichne die "Fridays for Future"-Bewegung aus und das mache ihm Hoffnung für die Zukunft.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 24.1.2020, 19.35 Uhr

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