André Freiwald vier
Bild © Senckenberg

Wenn er abtaucht, dann meistens richtig tief: André Freiwald, Direktor des Senckenberg Instituts in Wilhelmshaven. Er erforscht Korallenriffe. Nicht die im warmen, lichtdurchfluteten Wasser nahe der Oberfläche, sondern die in der kalten Dunkelheit der Tiefsee. Lange war unbekannt, wie weit verbreitet diese Ökosysteme sind und wie wichtig als Lebensraum.

Wie die Riffe im warmen Oberflächen-Wasser sind auch die tief unten von der globalen Erwärmung und von der Versauerung der Meere bedroht. Für André Freiwald ist es eine Lebensaufgabe geworden, die faszinierende Welt der Riffe zu erforschen, darüber zu informieren, wie wertvoll und wie bedroht sie sind. Der Forscher nimmt uns mit: abtauchen, ganz weit runter, dahin wo es erst Mal nur kalt und dunkel ist. "Es ist absolut stockduster und wenn wir jetzt die Scheinwerfer einschalten, sehen wir auch erst mal nix. Wir sind nämlich ungefähr 50 Meter neben dem Riffhügel gelandet, da besteht der Boden letztenendes nur aus Schlamm. Da sieht man sehr viele Krebse, die das Sediment durchwühlen, man sieht Fische vorbeiziehen, Chimäre, auch Tiefseehaie."

Forschungsarbeit

André Freiwald erzählt von seiner Forschungsarbeit, von einem Tauchgang vor Norwegen. Es geht um die Erforschung von Korallenriffen im tiefen, kalten Wasser. "Jago", das kleine gelbe Forschungs-U-Boot mit der großen Plexiglas-Kuppel, macht die wissenschaftliche Arbeit hier unten überhaupt erst möglich. Für den Meeresgeologen Freiwald absolut faszinierend: "Direkter kommt man da gar nicht ran. Man ist da anders als bei einem Tauchroboter direkt mit seinen Augen und nur durch diese Plexiglaskuppel von dem Forschungsgegenstand entfernt." Das sei ein ganz anderer Grad der Emotionalität. Das Problem dort unten sei die Kälte: "Es gibt ja keine Heizung in dem Tauchboot und wenn man dann in fünf Grad kaltem Wasser so vier, fünf, sechs Stunden unterwegs ist, das geht richtig in die Knochen. Aber das wird alles aufgehoben durch das, was man da unten macht und sieht."  

André Freiwald neu
André Freiwald als Eisbärwächter in Spitzbergen. Bild © Senckenberg

Freiwald war Leiter eines internationalen Forscherteams, das in den 1990er Jahren das Sula-Riff vor der Küste Norwegens erforschte. Ein 15 Kilometer langes, bis 35 Meter hohes Ökosystem voller Leben – vergleichbar mit den bekannten Korallenriffen im warmen indischen Ozean. Auch hier unten rötliche, orangefarbene und gelbe Korallen, die weißen Kalkskelette. Eine faszinierend schöne Welt. Eine sensationelle Entdeckung, ein Highlight in Freiwalds Forscherleben: "Diese Adrenalinwelle hat mich weit getragen. Denn das hörte ja gar nicht auf!".

Riffe sind Kinderstube vieler Fische

Die Adrenalinwelle trägt den Forscher des Senckenberg Instituts in Wilhelmshaven bis heute. Inzwischen wurden weitere Tiefwasser-Korallenriffe entdeckt, vor allem im Nordatlantik, aber auch vor den Küsten Afrikas oder den USA. Das faszinierende Leben in der kalten Tiefe ist Freiwalds Lebensthema: "Ich erstelle gerade so eine Art Volkszählung 'Wie viele Arten leben denn in den Tiefsee-Riffen?' und bin jetzt so bei 10.000 Arten angekommen. Bislang dachten wir, nur wenige 100 bis 1000 Arten leben da. Das ist einfach nicht richtig und wir sind noch lang nicht fertig."

Zitat
„Die Schleppnetze der großen Fischtrawler zerstören die Riffe, die Erwärmung der Meere stresst die Korallen.“ Zitat von André Freiwald, Meeresgeologe
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Die Riffe sind die Kinderstube vieler Fische, auch wichtiger Speisefische. Aber diese Oasen des Lebens in der Wüste der Tiefsee sind akut bedroht, so Freiwald: "Die Schleppnetze der großen Fischtrawler zerstören die Riffe, die Erwärmung der Meere stresst die Korallen."

Noch bedrohlicher: Etwa 30 Prozent des Kohlendioxids, das Kohlekraftwerke, Verkehr und Landwirtschaft in die Luft blasen, wird von den Meeren aufgenommen. Dort reagiert es mit dem Wasser und wird zu Kohlensäure. Der pH-Wert des Wassers sinkt, es wird sauer und greift das Kalkskelett der Korallen an. Der Meeresgeologe hat dafür einen drastischen Vergleich: "Stellen Sie sich vor, Sie lassen Salzsäure auf Kreide tropfen!"

Sendung: hr-iNFO, 13.7.2018, 19:35 Uhr

Weitere Informationen

hr-iNFO Sommer-Interviews

Mit dem Thema Korallenriffe beginnen unsere Sommerinterviews, die diesmal unter dem Motto "Abgetaucht" stehen. Weitere Interviews führen uns jeweils freitags in die unbekannte Welt der Tiefsee, beschäftigen sich mit der Faszination der Unterwasserfotografie und tauchen ab in das unterirdische Höhlensystem Herbstlabyrinth im hessischen Breitscheid.

Prof. Dr. Antje Boëtius: Die Tiefsee ist wie ein anderer Planet
Antje Boëtius ist Tiefseeforscherin und leitet seit einem halben Jahr das renommierte Alfred Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung. 90 Prozent allen Lebens auf der Erde ist in der Tiefsee zu finden, trotzdem ist die Tiefsee wahrscheinlich schlechter erforscht als die Mondoberfläche. Boëtius sagt,  die Tiefsee ist für uns wie ein anderer Planet. Im Interview mit Stefan Bücheler berichtet sie Erstaunliches aus der unbekannten Unterwasserwelt und warum es wichtig ist, sie zu schützen.

Freitag, 27.7., um 19:35 Uhr
Die Höhlenforscher  vom Herbstlabyrinth: Unter der Erde warten immer neue Überraschungen
Bis in die 90er Jahre war das Höhlensystem im Westerwald unbekannt, bevor eine kleine Gruppe von Höhlenforschern bei Breitscheid eine schmale Erdspalte entdeckte. Heute ist das Herbstlabyrinth das größte bekannte Höhlensystem Hessens und eines der bedeutendsten in Deutschland: Über 11 Kilometer lang und 92 Meter tief ist der bislang erforschte Teil des Höhlen-Systems, die Forscher arbeiten sich ständig weiter vor. Seit zehn Jahren wird das Herbstlabyrinth auch touristisch erschlossen und man kann die Tropfsteinhöhle „Knöpfchenhalle“ besichtigen. Über die Entdeckung und Erforschung dieses Naturwunders spricht Stefan Bücheler mit einem Höhlenforscher.                

Freitag, 3.8., um 19:35 Uhr
Tobias Friedrich: Unter Wasser zu fotografieren ist überwältigend
Wasser ist das bevorzugte Element von Tobias Friedrich. Der Wiesbadener ist ein international bekannter Unterwasserfotograf. Begegnungen mit Geschöpfen, die den meisten Menschen Respekt abverlangen oder gar Angst einflößen, sind ihm die liebsten. Schulter an Schulter schwimmt er mit Hai und Orca, Tête-à-têtes mit Seeigel und Muräne sind für ihn Alltag. Auf diese Weise entstehen spektakuläre Bilder, für die er Preis um Preis einheimst. Im Oktober erscheint sein Buch „Über Wasser, unter Wasser“. Im Interview mit Mariela Milkowa beschreibt er das beeindruckende Erlebnis unter Wasser zu fotografieren.

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