Andreas Scholl, Opernsänger

Abgesagte Konzerte, geschlossene Theater - Opernsänger Andreas Scholl schaut tief besorgt auf auf die deutsche Kulturszene. Der Countertenor aus Kiedrich im Rheingau ist davon überzeugt: Kultur ist viel mehr ist als ein "Nice-To-Have".

Andreas Scholl erklärt den Wert von Kultur so: "Wer in den Saal reingeht, geht anders raus, als er reingegangen ist. In der Zeit, in der die Musik erklingt, in der Zeit, in der der Film läuft, in der man Bilder anschaut in der Galerie, in der man im Kino sitzt - in dieser Zeit wird unser Geist angeregt, auf ganz verschiedenen Ebenen. Das kann sehr tiefgehend sein." Auch wenn es um reine Entspannung oder Ablenkung gehe, "in jedem Fall tut es was mit unserem Gemüt und das wird eine gesellschaftliche Veränderungen bewirken."

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Auch Musiker hätten daher eine gesellschaftliche Verantwortung. Aber in Zeiten der Corona-Krise werde der Wert der Kultur nicht erkannt. "Die Schäden, die durch eine Kulturlosigkeit entstehen, werden in 20 bis 30 Jahren unglaublich groß sein werden - gesellschaftlich. Wenn eine Gesellschaft kulturlos lebt, dann braucht sie bald mehr Gefängnisplätze und mehr Polizisten. Aber das ist natürlich Politikern schwer zu vermitteln, die in vier Jahresabständen denken."

Rheingau statt Europa

Was der Shutdown im Kulturbetrieb bedeutet, spürt der international gefragte Künstler direkt. Statt in den Kirchen und Opernhäusern Europas ist er derzeit überwiegend zuhause im Rheingau, wo er sein eigenes Tonstudio aufgebaut hat.

"Wir haben in den letzten zwei Jahren drei CDs vorproduziert und sind mit etwa 50 bis 60.000 Euro in Vorlage gegangen. Das war gespartes Geld, was natürlich jetzt in der Krise gut gebraucht werden könnte. Aber es war natürlich auch so gedacht, dass die CDs - wie das heute so ist - Werbung für Konzerte machen. Und wenn man dann mal drei, vier Konzerte gespielt hat, sind die Produktionskosten von einer CD wieder drin."

Die Kalkulation geht nicht auf, so lange es keine Konzerte gibt. Mit dem Verkauf von CD’s lässt sich schon lange kein Geld mehr verdienen, gerade hilft dem Sänger nur seine Lehrtätigkeit am Mozarteum in Salzburg.

Ewige Kopfstimme

Andreas Scholl gehört zu den Sängern, die mit ihrer Kopfstimme in der Alt oder sogar Sopran - Lage singen können. Also im Bereich der Frauenstimmen oder der Kastraten früherer Jahrhunderte. Als Kind hat Scholl bei den Kiedricher Chorbuben gesungen und dann seine hohen Lagen über die Pubertät gerettet - was man ihm beim Sprechen nicht anhört:

"Die Sprechstimme ging in den Bariton, da wo sie jetzt sitzt. Und die Kopfstimme wurde durch das tägliche Training und Veranlagung - das ist immer eine Kombination - erhalten. Die hohe Stimmen, der ich heute singe, ist für mich die ununterbrochene Fortsetzung meiner Knabenstimme." Sie klinge aber anders als mit elf und auch anders als mit 20. "Die Stimme verändert sich ständig und reift, aber ich habe auch nie irgendwie groß im Bariton gesunken. Ich bin kein Bariton und die Baritonstimme fühlt sich immer irgendwie fremd an."

Zeit für Reflektion

Zuhause fühlt er sich in den Komposition von Bach und Händel, in den Werken des Barock. Jetzt vermisst Andreas Scholl das Singen vor Publikum, das Musik machen und gemeinsam erleben. Er hofft auf die Rückkehr zu einer neuen Normalität, auch wenn er das Virus und sein tödliches Potential respektiert. Aber: Für ihn ist die Krise auch die Chance für eine Art Neuanfang:

"Ich denke, dass die Corona-Krise ein Katalysator ist und uns zwingt, über uns und unser Leben nachzudenken. Und derjenige, der Angst davor hat, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, der flucht über Politiker die Beschränkung machen, der will wieder in die Straußwirtschaft gehen. Da will sich wieder ablenken, weil der sich nicht mit sich selbst beschäftigen will. Und die Leute, die keine Angst davor haben, sich mit sich selbst zu beschäftigen, die werden gestärkt, menschlich gestärkt, aus dieser Krise herausgehen und neue Erfahrung gewonnen haben und vieles neu bewerten und neu justieren in ihrem Leben"

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 17.6.2020, 19.35 Uhr

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