Annalena Schmidt

Annalena Schmidt bloggt und twittert über ihr Leben in Bautzen, ihre Erfahrungen mit Rassismus und ihre Erlebnisse mit Rechten. Dafür wird die 32-Jährige mit Mord bedroht.

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Als Annalena Schmidt vor vier Jahren von Hessen nach Bautzen zog, hätte sie nie gedacht, dass sie jemals in diese Situation kommen würde: Erst brannte das ehemalige Hotel, in das Asylsuchende einziehen sollten, lichterloh. Dann erlebte sie im September 2016, wie Flüchtlinge von Rechtsextremen durch die Stadt gejagt wurden. "Ich ging nicht davon aus, dass ich als Frau im 21. Jahrhundert, weil ich mit Geflüchteten zur falschen Zeit am falschen Ort bin, vor Rechtsextremen wegrennen muss. Dieses Erlebnis war super einschneidend.“

Die gebürtige Hessin, die sich für Geflüchtete engagiert und als Historikern arbeitet, will das nicht einfach hinnehmen. Sie fühlt sich in der Verantwortung, rechten Parolen die Stirn zu bieten. Bei der Kommunalwahl im vergangenen Mai wurde sie für die Grünen ins Stadtparlament gewählt. Sie organisiert Lesungen, Demonstrationen, twittert und bloggt über ihre Erfahrungen. Oft postet sie Beobachtungen, Fotos und Kommentare über die rechte Szene. Und bekommt daraufhin die gesamte Bandbreite an Hasskommentaren ab.

"Du wirst langsam und qualvoll sterben"

„Es wird permanent geschrieben, dass man die Stadt verlassen soll. Dass man der Stadt schade, dass man verschwinden soll.“ Schmidt wird beleidigt und erhält sogar Morddrohungen. „Anfang des Jahres kam ein anonymer Anruf, bei dem mir gesagt wurde: Annalena Schmidt, wir werden dich vergiften! Du wirst langsam und qualvoll sterben.“ Später stellte sich heraus, dass der Anruf aus einer Telefonzelle in Bautzen kam. „Da kommt ein ungutes Gefühl auf, wenn man genau weiß, ich stand zu dieser Zeit nur 400 Meter entfernt von dem Menschen, der mich bedroht hat.“

Viele Bautzener Bürger kritisieren Annalena Schmidt dafür, die Stadt brauner zu malen als sie eigentlich sei und beschimpften sie als Nestbeschmutzerin. Das sieht sie nicht so: "Rechtsexterme gibt es überall. Aber das, was ich anprangere, ist der Umgang derer, die nicht rechtsextrem sind", so die  32-Jährige.

Sie vermisse eine Zivilgesellschaft, die mehr gegen rechts aufsteht. Stattdessen schwiegen viele Bürger aus Angst vor einem schlechten Image. „Hier hat sich ein Hegemonie-Gefühl für die Rechtsextremen und Rechtspopulisten eingestellt. Durch die Wahlergebnisse, aber auch durch das Schweigen der Zivilgesellschaft, wenn es um rechte Demonstrationen geht.“

Mühen gegen Rechts

Dieses Schweigen will Annalena Schmidt aufbrechen. Sie will Menschen dazu motivieren, sich dagegen zu stellen, zu zeigen, dass Bautzen kein braunes Nest ist. Dafür ist sie nun auch als Stadträtin aktiv, als Parteilose für die Grünen.

Das ist eine Herausforderung, erzählt sie. Denn sie erlebe immer wieder, dass viele Bürger gar nicht mehr mit sich reden ließen. "Viele wollen einen an Wahlkampfständen einfach nur beschimpfen. Und diejenigen, mit denen man reden kann, sind so weit abgedriftet teilweise in verschwörungs-ideologische Vorstellungen, dass man die mit Fakten überhaupt nicht mehr zurückholen kann“, so Schmidt.

Deshalb ist sie auch gegen einen Dialog zwischen den Lagern. "Das kann nicht funktionieren, weil die politischen Positionen zu weit auseinander liegen." Es könne auch nicht ihre Aufgabe sein, als Frau, die sich politisch mitte-links verortet und für die Grünen kandidiert, Wähler zurückzuholen, die der CDU und der FDP verloren gegangen seien. „Das ist Aufgabe der Konservativen, die mit ihren politischen Positionen deutlich dichter an den Positionen der Alternativen für Deutschland dran sind.“

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 23.8.2019, 19:35 Uhr

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