Autorin und Minimalistin: Anne Weiss

Tausche Krempel gegen Lebensglück – so könnte man die Geschichte von Anne Weiss zusammenfassen. Sie lebt seit fünf Jahren minimalistisch und besitzt nur noch ganz wenige Sachen. Ihr Leben passe heute in drei Kisten und mache sie glücklicher als je zuvor, sagt sie.

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"Ich war so ein typisches Shoppingkind der 80er Jahre, also dem Konsumjahrzehnt", erzählt Anne Weiss. Deswegen sei sie "infiltriert" von Idee gewesen, alles haben zu müssen. Angefangen von technischen Gadgets bis hin zu allen möglichen Kleidern, die sie "irgendwann mal auf irgendwelchen Gelegenheiten" tragen wollte und doch nie angezogen habe. "Und so habe ich schon einen riesen Berg von Krempel angesammelt gehabt und es war schon schwer, sich davon zu trennen", gesteht sie.

Dass sie es doch getan hat, hängt mit einer tiefen Krise zusammen, die sie vor fünf Jahren erlebte: Anne Weiss hatte ihren Job als Lektorin in einem Verlag verloren und war auf Sinnsuche nach Indien gereist. Dort hatte sie viele inspirierende Begegnungen und stellte sich irgendwann die Frage: Macht dich das, was du hast, eigentlich glücklich? Und was müsstest du ändern, um wirklich glücklich zu sein?

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„Viele Menschen verspüren heute dieses Gefühl, dass wir zu viele Dinge haben.“ Zitat von Anne Weiss
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Als sie wieder zurück in Deutschland war, begann Anne Weiss auszumisten – zuerst ihren Kleiderschrank, dann ihr ganzes Leben. Sie wollte raus aus dem Konsum und sich frei machen von allem, was sie nicht wirklich braucht. "Viele Menschen verspüren heute dieses Gefühl, dass wir zu viele Dinge haben, dass es nicht mehr froh macht, sich etwas leisten zu können, weil wir diese Sachen auch nie benutzen, weil wir einfach viel zu viele Sachen haben." Wer im Überfluss lebe, wisse jedes einzelne Ding gar nicht mehr zu schätzen, findet sie.

Das Leben in drei Kisten

Anne Weiss ist Mitte 40, lebt als freie Autorin in Berlin und bezeichnet sich selbst als Minimalistin. Ihr Leben passe heute in drei Kisten. Was sie zum Leben unbedingt brauche, sei "eine Winterjacke, meine Lieblingstasse, meine Wasserflasche, wenn ich unterwegs bin, und ich brauche natürlich mein Handy."  In ihren drei Kisten bewahrt Anne Weiss noch Fotos und Briefe auf, die ihr etwas bedeuten. Sie lebt in einer WG, Haushaltsgeräte wie zum Beispiel ein Bügeleisen leiht sie sich bei Bedarf vom Nachbarn aus, sie besitzt keine eigenen Möbel, nur ein Fahrrad.

Dabei gehe es ihr nicht um Verzicht: "Minimalistisch leben bedeutet für mich, den Wert auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu legen und das ist eben dieser Luxus, Zeit zu haben. Tatsächlich fühle ich mich sehr luxuriös, wenn ich Zeit habe für die Dinge, die ich gerne tue, wenn ich Zeit habe für die Menschen, mit denen ich gern zusammen bin – all das, was ich vorher nicht hatte." Weniger Krempel und Ballast, dafür aber mehr Zeit für das Leben zu haben, empfindet Minimalistin Anne Weiss als befreiend, "weil ich auch gemerkt habe, wie wenig Dinge man eigentlich braucht, um zufrieden zu sein."

Die deutsche Marie Kondo - nicht

Die Geschichte ihrer Wandlung erzählt sie in ihrem Buch "Mein Leben in 3 Kisten". Darin gibt sie auch Ratschläge, wie man seine Wohnung und sein Leben nach allen Regeln der Nachhaltigkeit entrümpelt. Dennoch möchte sie ihr Buch nicht als "Ratgeber" verstanden wissen. Sie habe vielmehr über ihr minimalistisches Selbstexperiment berichten wollen: "Mein Anliegen war es auszuprobieren: Wie fühlt es sich an - und das zu schildern."

Weitere Informationen

Buchtipp

Anne Weiss: "Mein Leben in 3 Kisten"
Knaur Verlag, 14,99 Euro

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Anne Weiss sieht sich auch keinesfalls als die "deutsche Marie Kondo" - die "Aufräum-Queen" verkauft Ratgeber-Bücher und zeigt Amerikanern in ihrer Netflix-Serie, wie sie ihre vollgestopften Häuser entmüllen können – nämlich mit der Glücksgefühl-Methode. "Nein, ich würde nicht für so was stehen wollen", sagt Anne Weiss. "Ich finde, dieses Guru-Artige, was es inzwischen bei ihr hat, ein bisschen furchteinflößend." Außerdem musste Marie Kondo viel Kritik einstecken, seitdem sie einen Online-Shop aufgemacht hat und dort entgegen ihrer Philosophie vor allem Deko und Krimskrams zu hohen Preisen verkauft.

Auch Urlaub geht minimalistisch

Anne Weiss hingegen erzählt, wie der Minimalismus ihr Leben ganzheitlich verändert habe. Ihr sei klar geworden, dass man viel glücklicher sei, wenn man auch Dinge in Frage stelle: "Ich hatte ja auch diesen ganzen Konsum eigentlich für eine Sache gehalten, die sein muss - und bin dazu gekommen zu sagen, es macht mich eigentlich wirklich viel freier und glücklicher, wenn ich das nicht mehr habe in meinem Leben."

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„Ich hatte ja auch diesen ganzen Konsum eigentlich für eine Sache gehalten, die sein muss.“ Zitat von Anne Weiss
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Etwas, das sie in ihrem Leben definitiv nicht mehr braucht: in den Urlaub fliegen. Denn der minimalistische Lebensstil bedeutet nicht nur, sich von Ballast und Konsum zu befreien, sondern auch Ressourcen und die Umwelt zu schonen. Anne Weiss lebt vegan und nachhaltig und wenn sie Urlaub macht, dann tut sie das möglichst CO-neutral. Denn sie habe sich die Frage gestellt: "Darf ich auf Kosten der nächsten Generation mir meinen Urlaub in Bali gönnen, mit dem tollen Meditations-Retreat, was ich mir gebucht hatte? Und bin dann dazu gekommen, dass ich gesagt habe: Ich kann das eigentlich nicht mehr mit gutem Gewissen tun". Es fehle ihr auch nichts, meint sie: "Ich habe dieses Jahr einen Radurlaub gemacht, der war viel erholsamer als jeder Urlaub, den ich mit dem Flieger jemals gemacht habe."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 8.1.2020, 19:35 Uhr

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