Atilla Albert und Corinna Tertel

Perfektionsimus sei wie der Partner in einer dysfunktionalen Beziehung, sagt Coach Attila Albert: ein "Arschloch", von dem man sich trennen sollte. Warum das so ist und wie es geht, erklärt er im Interview.

Der Begriff Perfektion ist in unserer Gesellschaft ja eigentlich positiv besetzt, zum Beispiel im Berufsleben. Attila Albert findet das einen Trugschluss, denn "da wird oft die andere Hälfte vergessen, dass natürlich Perfektionismus mich etwas kostet. Dinge werden umständlicher, teurer, langsamer."

Geheilter Perfektionist

Albert selbst hat die Trennung vom Perfektionismus bereits hinter sich, wie er sagt. Sich selbst bezeichnet er deshalb als "geheilten Perfektionisten". Früher habe er etwa ein Studium nach einigen Semestern abgebrochen, weil er mit seinen Noten nicht zufrieden gewesen sei. Oder habe sich, nur sechs Monate nachdem er mit dem Laufen angefangen hatte, direkt einen Marathon zugemutet und sich dann am Fuß verletzt. "Heute sehe ich das entspannter."

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Aber warum gilt Perfektion in der Gesellschaft als etwas Positives, sogar als Kompliment? Albert vermutet als Ursache, dass die Gesellschaft heute insgesamt wenig existenzielle Probleme hat und sich deshalb mit weniger wichtigen Nebenbaustellen aufhalten könne. Also "mit Dingen, wo unsere Eltern oder Großeltern gesagt hätten: ‚Na gut, dann lebe ich damit‘".

Aufgewachsen in der DDR

Ein Beispiel ist für Albert die Kindeserziehung. Denkt er da an seine eigene Kindheit zurück, seien die Ansprüche viel geringer gewesen als heute. "Wenn die Kinder heil zum Essen zurück waren, war das schon ausreichend." Wenn er sich Erziehung heute ansehe, dann sei das anders. "Der Anspruch ist enorm hoch, weil wir es uns teilweise leisten können." Ein Phänomen, das für ihn in den 2000er Jahren angefangen hat.

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Perfektionismus ist ein Arschloch
Von Attila Albert
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Extreme Auswüchse eines "Perfektionsgedanken" konnte Albert aber trotzdem schon früh beobachten, denn geboren und aufgewachsen ist er in der DDR. "Das ist generell ein Kennzeichen diktatorischer Ideologien, dass der normale Mensch nicht mehr genügt und damit quasi umerzogen werden soll." Im Sozialismus sei das ein allgegenwärtiger Gedanke gewesen, etwa bei der Berufswahl oder bei der Entscheidung, welche Zeitung gelesen wird.

So geht es anders

Aber welche Methoden gibt es denn jetzt, um Perfektionismus zumindest auf ein gesundes Maß zurückzuschrauben? Albert empfiehlt zweierlei: zum einen, auf Ursachensuche zu gehen. Oft sei der Grund für Perfektionismus "die Erfahrung, dass ich als Kind oder als junger Mensch mich beweisen musste und mir etwas verdienen musste, Aufmerksamkeit oder Liebe." Da sei es schwer, mit einem schnellen Trick Abhilfe zu schaffen, das erfordere Arbeit. "Da muss ich mich durchaus mal auseinandersetzen mit meiner Geschichte und mit meiner Biographie. Wie sehe ich Dinge aktuell und wie könnte ich sie anders sehen?"

Zum anderen empfiehlt Albert, den Perfektionismus zu fokussieren: "Ich entscheide mich für gewisse Dinge, die perfekt laufen müssen, weil sie langfristig relevant sind. Aber 80 Prozent meines Alltages ist ausreichend erledigt im Mittelmaß, solide Qualität."

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Das Interview führte Corinna Tertel

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