Barbara Schock-Werner

Es war nicht nur für Frankreich ein Schock, als die Kathedrale Notre-Dame von Paris in Flammen stand. Auch aus Deutschland kamen Hilfsangebote für den Wiederaufbau. Die frühere Kölner Dom-Baumeisterin Schock-Werner hat den Auftrag bekommen, sie zu koordinieren. Eine Aufgabe, die nicht immer einfach ist.

Als Barbara Schock-Werner die Bilder der brennenden Kathedrale Notre-Dame in der Tagesschau sah, konnte sie kaum glauben, was sie da sah. Die Bilder hätten für sie "einen fast surrealen Charakter" gehabt. Der Schrecken war für sie aber auch verbunden mit der Frage: Kann das am Kölner Dom auch passieren?

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Denn für den war sie als Dombaumeisterin 13 Jahre lang verantwortlich. Die Schäden in Paris hat Barbara Schock-Werner mittlerweile einige Male aus der Nähe gesehen. Im Auftrag der Bundesregierung koordiniert die heute 72-Jährige die deutschen Hilfsangebote für Notre-Dame.

Notre-Dame mit Swimming Pool?

Besonders bedauert sie den Verlust des schlanken Vierungsturms aus dem 19. Jahrhundert, der bei dem Brand völlig vernichtet wurde. "Er war ein Traum von einem Vierungsturm", sagt sie. Selbst Gegner von Rekonstruktionen seien für einen originalgetreuen Wiederaufbau. Das Thema ist in Frankreich heftig umstritten, denn Präsident Emmanuel Macron hatte sich einen Wiederaufbau mit modernen Elementen gewünscht und einen Architektenwettbewerb ausgerufen. Einige moderne Entwürfe für das Dach von Notre-Dame kursieren bereits im Netz.

Notre Dame in Flammen

Barbara Schock-Werner ist skeptisch: "Etliche Entwürfe haben einfach vergessen, dass es sich um eine Kirche handelt", meint sie und denkt dabei an Architekten, die einen Garten mit Bäumen oder gar einen Swimming Pool auf dem Dach von Notre-Dame vorgeschlagen haben. Theoretisch denkbar sei der Entwurf des Star-Architekten Norman Foster, der die eingestürzten Gewölbe der Kathedrale durch ein Glasdach ersetzen will. "Doch wer soll denn da oben putzen?", fragt Schock-Werner ganz praktisch.

Dabei ist die Architektin und Kunsthistorikerin nicht grundsätzlich gegen moderne Elemente in gotischen Kirchen. In ihren Jahren als Dombaumeisterin am Kölner Dom hat sie ein abstraktes Glasfenster des Künstlers Gerhard Richter durchgesetzt und einbauen lassen.

Vom Metallbaukasten zur Dombaumeisterin

Aufgewachsen in einem schwäbischen Handwerkerhaushalt hatte sich Barbara Schock-Werner schon als Mädchen für technisches Spielzeug interessiert. Sie bekam nicht nur einen Metallbaukasten – ungewöhnlich für ein Mädchen in den Fünfzigerjahren –, sondern auch ein kaputtes Bügeleisen. "Da wurde die Schnur abgeschnitten und ich durfte es mit dem Schraubenzieher auseinandernehmen."

Nach einer Lehre als Bauzeichnerin absolvierte Schock-Werner das Architekturstudium in Stuttgart als Beste ihres Jahrgangs, erhielt aber die übliche Auszeichnung der Bauwirtschaft – eine goldene Herrenuhr – nicht, weil man nicht mit einer Frau gerechnet hatte. Ende der Neunzigerjahre wurde sie die erste weibliche Dombaumeisterin in Köln und blieb es bis zu ihrer Pensionierung.

Feuer Notre Dame

Jetzt steht Schock-Werner mit ihrer Expertise den französischen Kollegen von Notre-Dame zur Seite. Hilfe aus Deutschland bei der Restaurierung von Fenstern hat sie schon angeboten. An einen schnellen Wiederaufbau glaubt sie aber nicht. "Das wird ein langer und mühsamer Prozess, dessen Beginn noch gar nicht definiert werden kann."  So gesehen sei auch der Streit um einen modernen Wiederaufbau des Vierungsturms eines der geringsten Probleme bei Notre-Dame, sagt Barbara Schock-Werner.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 20.11.2019, 19.35 Uhr

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