Spiegel-Korrespondent Bartholomäus Grill
Spiegel-Korrespondent Bartholomäus Grill Bild © Dominik Rößler

Seit gut drei Jahrzehnten berichtet Bartholomäus Grill aus Afrika. Für sein Buch 'Wir Herrenmenschen' hat der Spiegel-Korrespondent die Spuren der deutschen Kolonialgeschichte verfolgt. Sein Fazit: Auch heute noch prägt unser rassistisches Erbe unser Bild von Afrika.

Er arbeitet seit vielen Jahren in Afrika, lebt mit seiner Familie in Kapstadt und vermisst, wenn er in Deutschland ist, am meisten die Heiterkeit der Menschen. "In Südafrika gibt's ein Lächeln und eine freundliche Anrede", erzählt Bartholomäus Grill. Andererseits vermisse er in Afrika auch typisch deutsche Tugenden wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, manchmal sehne er sich sogar nach der deutschen Bürokratie.

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Schon als kleiner Junge kam der gebürtige Bayer aus Oberaudorf in Berührung mit Afrika. Sein Großvater sei ein Anhänger der Kolonialbewegung gewesen und habe eine kleine Bibliothek mit afrikanischen Büchern gehabt. "Und die habe ich schon sehr früh entdeckt und so wurde dann Afrika mein Sehnsuchtsziel", erzählt er. Als Journalist habe er dann auf seinen "Traumberuf Korrespondent in Afrika" hingearbeitet.

"Ich bin ein streitbarer Mensch"

Anfang der 90er Jahre – Grill arbeitete damals für die ZEIT in Hamburg – war es soweit. ZEIT-Herausgeberin Gräfin Marion Dönhoff schickte ihn nach Afrika. Seit 2013 berichtet er von dort für den Spiegel. "Ich bin ein streitbarer Mensch", sagt der 64-Jährige, "vor allem, wenn's um Afrika geht, wenn's um die ungerechte Verteilung von Lebenschancen auf diesem Planeten geht." In den letzten drei Jahrzehnten reiste der preisgekrönte Korrespondent und Autor immer wieder auf den Spuren der deutschen Kolonialzeit durch Afrika, besuchte historische Schauplätze und sprach mit den letzten Augenzeugen.

In seinem neuen Buch 'Wir Herrenmenschen' berichtet Grill davon und prangert an, dass bis heute ein Schweigen über den Verbrechen liege, die der Westen den Afrikanern und anderen Völkern angetan habe: Landraub, Unterdrückung und Ausbeutung, Terror und Mord. Aber in dem Buch blickt er nicht nur zurück, sondern auch in die Gegenwart. Seine provokante These: Das "Herrenmenschentum" präge nach wie vor unser Denken.

"Muster, die Afrikanern die Menschlichkeit absprechen"

"Es zeigt sich, dass in der Kolonialzeit Denkmuster und Vorstellungen entstanden sind über Afrika, die sich im kollektiven Bewusstsein festgesetzt haben und jetzt in der Phase der sogenannten Migrationskrise wieder ausbrechen", so der Afrika-Korrespondent. Das extremste Beispiel sei für ihn gewesen, "wenn bei einer AfD-Veranstaltung Filme gezeigt werden mit Migranten aus Afrika auf überfüllten Schiffen, die hilflos im Mittelmeer dahin treiben, und wenn dann der Mob skandiert: absaufen, absaufen, absaufen."

Weitere Informationen

Buchtipp

"Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte."
Bartholomäus Grill
Siedler Verlag, 24 Euro

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Darin erkennt er ein klassisches Muster, "wo man den Afrikanern die Menschlichkeit abspricht, wo man sie nur noch als anonyme bedrohliche Masse sieht, nicht mehr das einzelne Individuum, den Menschen mit einem Schicksal, mit einer Vorgeschichte." Das seien Stereotype und Zerrbilder, die in der Kolonialzeit geprägt wurden. "Wir haben nach wie vor diese Deutungsmacht, in der Nichteuropäer als zweitklassig eingestuft werden", konstatiert Grill.

Ein weiterer Beleg für diese These sei "die globalisierte Weltwirtschaftsordnung, die im 19. Jahrhundert grundgelegt wurde." Sie gelte bis heute und der Westen gebe den Ton an: "Afrika ist nach wie vor ein reiner Rohstofflieferant, die Wertschöpfung findet anderswo statt".

Afrikanische Länder als gleichwertige Partner betrachten

Bartholomäus Grill gilt als einer der besten deutschen Afrika-Kenner und versucht durch seine Arbeit als Journalist, solche Denk- und Verhaltensmuster aufzubrechen. Resigniert habe er dabei auf keinen Fall, denn ihm gehe es darum, diese Strukturen zu überwinden, indem er darüber schreibt und aufklärt. Aber, so Grill selbstkritisch: "Nach 30 Jahren in Afrika habe ich mir abgewöhnt, Afrika retten zu wollen." In Zukunft gehe es darum, "die Wahrnehmung Afrikas als Katastrophen- oder K-Kontinent - K für Krankheiten, Krisen, Kriege - zu überwinden". Das sei die Voraussetzung dafür, dass auch afrikanische Länder als gleichwertige Partner betrachtet werden könnten.

Auch die aktuelle Debatte über die Frage, wie deutsche Museen mit kolonialer Raubkunst umgehen sollen, sei wichtig in diesem Prozess. "In den meisten Fällen muss man davon ausgehen, dass es Raub, Diebstahl war, dass Hehlerei eine Rolle spielt und Erpressung nach heutigem Strafrecht", so Grill. "Und deswegen muss natürlich alles eigentlich ersatzlos zurückgegeben werden." Den Einwand einiger Kritiker, dass es für die Kunstwerke in Afrika keine geeigneten Museen gebe, lässt Bartholomäus Grill nicht gelten: "Es gehört ihnen, und was sie damit machen, ist ihre Sache. Und wir können sie unterstützen beim Bau von Museen, beim wissenschaftlichen Austausch und bei der Provenienzforschung. Aber es muss klar sein: Das haben wir alles gestohlen."

Sendung: hr-iNFO, 5.4.19, 19:35 Uhr

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