Iuventa
Bild © Cesar Dezfuli

Das Rettungsschiff "Iuventa" hat mehr als 14.000 Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken bewahrt, bevor es von italienischen Behörden beschlagnahmt wurde. Ein Dokumentarfilm erzählt nun die Geschichte des Schiffs und seiner Besatzung. Der ehemalige Kapitän hat mit uns über die Euphorie der Helfer, ihre Wut auf die EU-Politik und die aktuelle Situation auf dem Mittelmeer gesprochen.

Die Zahl ist erschreckend: Laut UNHCR sind in diesem Jahr bereits 1.500 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Die Zahl der Toten ist rapide angestiegen, obwohl deutlich weniger Menschen übers Mittelmeer kommen. Wenn Benedikt Funke darüber nachdenkt, kommen gemischte Gefühle in ihm hoch: „Wir wissen, was da für dramatische Situationen sich abspielen. Mich macht’s ganz massiv wütend und traurig zu wissen, dass Retter festgehalten werden und gleichzeitig Menschen sterben. Und wenn ich Wut sage, meine ich in erster Linie eine politische Wut, denn es ist ja offensichtlich, dass die Todeszahlen politisch gemacht sind."

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Die Erfahrungen, die Funke während der Rettungsmission auf dem Mittelmeer gemacht hat, und vor allem einige Bilder verfolgen ihn noch heute, sagt er. Bilder "von der Verzweiflung der Menschen, dass sie nichts dabei haben, dass sie mit Kindern reisen und dass auf offener See jemand seinen dreijährigen Sohn einfach ohne Rettungsweste jemand anderem in die Hand drückt - und die Kinder noch nicht mal irritiert sind, sondern von Person zu Person weiter gegeben werden. Das ist alles so surreal, das bleibt auf jeden Fall hängen."

Vorwurf: Beihilfe zu illegaler Einreise

Aber zugleich erinnert sich der erfahrene Seemann auch an die Euphorie zu Beginn der Mittelmeer-Mission der "Iuventa" (lateinisch für Jugend). Vor drei Jahren hatte eine Gruppe junger Aktivisten in Berlin die Organisation "Jugend rettet" gegründet und über eine Crowdfunding-Kampagne einen umgebauten Fischkutter gekauft. Im August 2016 waren sie schließlich in See gestochen, um etwas zu tun gegen das Sterben im Mittelmeer.

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Die Crew aus jungen Freiwilligen ging vor der Küste Libyens auf Rettungsmission. Bis August 2017 retteten sie über 14.000 Menschen, dann wurde das Schiff von den italienischen Behörden beschlagnahmt. Der Vorwurf: Beihilfe zur illegalen Einreise. Seitdem wird gegen Crewmitglieder ermittelt. Die Helfer auch anderer NGOs sahen sich immer wieder Vorwürfen ausgesetzt – beispielsweise eine Art Taxi-Service für Migranten auf dem Mittelmeer zu betreiben und so das Geschäft der Schlepper noch zu unterstützen.

"Wir haben uns juristisch nichts vorzuwerfen"

Benedikt Funke macht sich aber keine Sorgen, dass es ihm so gehen könnte wie Claus-Peter Reisch. Dem Kapitän des privaten Rettungsschiffs "Lifeline", der im Juni 234 Migranten an Bord genommen hatte, wird gerade in Malta der Prozess gemacht wird, weil das Schiff angeblich nicht korrekt registriert gewesen sei. Er habe "keine Angst, angeklagt zu werden", sagt Funke, "weil wir uns juristisch absolut nichts vorzuwerfen haben."

Sie seien rechtlich verpflichtet zu retten. "Das haben wir gemacht und wir haben definitiv hier mit niemanden zusammengearbeitet.“ Momentan ist die private Seenotrettung im Mittelmeer kaum noch möglich. Italien und Malta haben ihre Häfen dichtgemacht und die meisten NGO-Schiffe konfisziert. Und dennoch: "Wir würden auf jeden Fall sofort wieder los", sagt der ehemalige "Iuventa"-Kapitän.

Bewegende Doku über Geschichte der "Iuventa"

Der italienische Regisseur Michele Cinque hat die Geschichte der "Iuventa" in einem bewegenden Film dokumentiert. Er hat die Crew von den ersten Tagen an Bord bis zur Festsetzung des Schiffs vor einem Jahr begleitet. Der Film zeigt, wie die Mission im Mittelmeer das Leben und Denken der jungen Aktivisten verändert hat. Benedikt Funke sagt, sein Einsatz für Migranten auf dem Mittelmeer habe ihn stark politisiert. "Natürlich politisiert es einen, wenn man in die Täterrolle gestopft wird und gleichzeitig eigentlich weiß, dass die Politik hier die falschen Schritte einleitet. Es ärgert mich sowohl, dass wir kriminalisiert werden und es ärgert mich genauso, dass der Migrant, der Flüchtende, ja auch zum Täter gemacht wird."

Funke ist enttäuscht, dass die Mission der "Iuventa" gescheitert sei, weil die Aktivisten den "politischen Druck, den wir aufbauen wollten auf die EU und die Forderung nach einer zivilen staatlichen Seenotrettung nicht so stark formulieren konnten, wie wir das gerne gewollt hätten". Doch er nehme momentan eine andere starke Bewegung in Deutschland wahr, die ihm Hoffnung mache: „Man sieht, dass die Menschen auf die Straße gehen und dass Menschen heute sagen: "ir wollen nicht, dass die Politik hier weiter am rechten Rand rumfischt." Und auch das Thema Seenotrettung sei "ein großer Treiber - und dass wir’s nicht in Kauf nehmen können, dass einfach wissentlich, willentlich von der Politik Leichen in Kauf genommen werden."

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Dokumentarfilm: "Iuventa. Seenotrettung - ein Akt der Menschlichkeit"

Der Film von Michele Cinque läuft am 13. August um 22:25 Uhr in 3sat und in ausgewählten Kinos in Hessen und näherer Umgebung.

Nächste Termine:
09.08. Marburg, Capitol, 20 Uhr
21.08. Gießen, Kinocenter 18:30 Uhr
05.09. Darmstadt, Rex, 20 Uhr
19.09. Mainz, Cinemayence, 19:30 Uhr
30.09. Heppenheim, Saalbau-Kino, 17 Uhr
09.10. Frankfurt, naxos Kinos, 19:30 Uhr

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Seenotrettung in internationalem Recht

Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (SRÜ)

Art. 98: "(1) Jeder Staat verpflichtet den Kapitän eines seine Flagge führenden Schiffes, soweit der Kapitän ohne ernste Gefährdung des Schiffes, der Besatzung oder der Fahrgäste dazu imstande ist,
a) jeder Person, die auf See in Lebensgefahr angetroffen wird, Hilfe zu leisten;
b) so schnell wie möglich Personen in Seenot zu Hilfe zu eilen, wenn er von ihrem Hilfsbedürfnis Kenntnis erhält, soweit diese Handlung vernünftigerweise von ihm erwartet werden kann"

Internationales Übereinkommen zur Seenotrettung

Kapitel 2.1.10: "Mitgliedsstaaten müssen sicherstellen, dass Personen in Seenot Hilfe erhalten. Dies gilt ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit oder den Status einer solchen Person oder die Umstände, unter denen die Person aufgefunden wird."

Genfer Flüchtlingskonvention

Artikel 33 Verbot der Ausweisung und Zurückweisung: 1. "Keiner der vertragschließenden Staaten wird einen Flüchtling auf irgendeine Weise über die Grenzen von Gebieten ausweisen oder zurückweisen, in denen sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung bedroht sein würde."

EU-Seeaußengrenzenverordnung


"Im Einklang mit [...] den allgemeinen Grundsätzen des Unionsrechts sollten die während eines Überwachungseinsatzes getroffenen Maßnahmen in angemessenem Verhältnis zu den verfolgten Zielen stehen, nicht diskriminierend sein und die Menschenwürde, die Grundrechte sowie die Rechte von Flüchtlingen und Asylsuchenden, einschließlich des Grundsatzes der Nichtzurückweisung, uneingeschränkt achten. Die Mitgliedstaaten und die Agentur sind in Bezug auf Anträge auf internationalen Schutz, die im Hoheitsgebiet, einschließlich an der Grenze, in den Hoheitsgewässern oder in den Transitzonen der Mitgliedstaaten gestellt werden, an die Bestimmungen des Besitzstands im Asylbereich [...] gebunden."

Artikel 9 Such und Rettungsaktionen: (1) "Die Mitgliedstaaten kommen ihrer Pflicht nach, jedem Schiff und jeder Person in Seenot Hilfe zu leisten, und stellen während eines Seeeinsatzes sicher, dass ihre beteiligten Einsatzkräfte dieser Pflicht im Einklang mit dem Völkerrecht und unter Achtung der Grundrechte nachkommen. Dies gilt ohne Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit oder den Status einer solchen Person oder die Umstände, unter denen die Person aufgefunden wird."

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Sendung: hr-iNFO, 8.8.2018, 19:35 Uhr

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