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Zum Artikel Benjamin Roers – Historiker und Mitinitiator des "Coronarchivs"

Benjamin Roers

Benjamin Roers ist einer der Initiatoren des digitalen "Coronarchivs". Dort werden persönliche Erinnerungen an das Leben in der Pandemie aufbewahrt. Ein Gespräch über "Public History", Zeitkapseln und die Frage, wie wir uns erinnern wollen.

Die Geschichte begann auf Twitter, als eine Gruppe von Historikern darüber diskutierte, wie man das Leben in der Corona-Pandemie eigentlich für die Nachwelt überliefern könnte. Drei Tage und Nächte dauerte es dann nur, das digitale "Coronarchiv" zu konzipieren und aufzusetzen. "Und dann gab es dieses Archiv und es war da", erzählt Benjamin Roers.

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Der Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter an der Uni Gießen ist einer der Mitinitiatoren. Zusammen mit Kollegen der Universitäten in Hamburg und Bochum startete er Ende März das Archiv, das seitdem eine "Sammelstelle" für Fundstücke aller Art ist. Über 2000 Einsendungen wurden bereits gesammelt in dem Archiv.

Jeder kann mitmachen und seine ganz persönlichen Andenken an die Pandemie hochladen: Fotos, Texte oder Videos von Menschen, die über ihre persönlichen Corona-Eindrücke berichten. Darunter sind zum Beispiel viele eigens komponierte Corona-Songs, Tagebucheinträge, die sich humorvoll mit "Abstand halten" und Einsamkeit beschäftigen, aber auch nachdenkliche Erfahrungsberichte über Homeschooling von Kindern, Jugendlichen und gestressten Eltern. Benjamin Roers ist beeindruckt von der Vielfalt der digitalen Fundstücke.

Eine "Zeitkapsel" für die Nachwelt

"Uns geht es darum, die Alltagserfahrungen der Leute zu dokumentieren", sagt Roers. Das sei wichtig, denn "wenn wir zum Beispiel gucken, was für politische Entscheidungen es gibt, dann ist immer die Frage, was bedeutet es eigentlich für die Menschen? Wie kommt das unten an? Wie gehen Menschen damit um. Was für Probleme verursacht das?"

Das Archiv funktioniert im Grunde wie eine Art "Zeitkapsel": man sammelt viele Dokumente, "um späteren Generationen von Forschern und Interessierten die Möglichkeit zu geben, sich mit der Geschichte unserer jetzigen Gegenwart überhaupt auseinander setzen zu können", erklärt Roers. Nur habe man nicht vor, diese "Zeitkapsel" ins All zu schießen, sondern für die Nachwelt auf der Erde zu lassen.

Mit der Öffentlichkeit auf Augenhöhe

Das besondere am "Coronarchiv": es ist ein Public History-Projekt, wendet sich also primär nicht an ein akademisches Umfeld sondern an die breite Öffentlichkeit. Mit Public History sind alle öffentlichen Formen der Auseinandersetzung mit Geschichte und Vergangenheit gemeint. "Das kann zum Beispiel der Blockbuster im Kino sein oder die Doku im Fernsehen", sagt Benjamin Roers, "aber auch Museumsausstellungen, das Denkmal auf dem Weg zur Arbeit oder auch Opa, der an Weihnachten unaufgefordert vom Krieg erzählt." Geschichte sei "ein gesamtgesellschaftliches Ding" und das fasziniert den jungen Historiker, der sich an der Uni in Gießen schwerpunktmäßig mit Public History beschäftigt.

"Wenn wir uns als gesamtdemokratische Gesellschaft verstehen, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass wir alle gleichberechtigt an diesen erinnerungskulturellen Prozessen teilhaben können", findet Roers und bringt das Ziel von Public History auf den Nenner: "Nicht nur Geschichte für die Öffentlichkeit sondern Geschichte in der Öffentlichkeit mit der Öffentlichkeit und auf Augenhöhe." Genauso funktioniere das "Coronarchiv", wo man übrigens noch weiter seine ganz persönlichen Eindrücke vom Alltag in der Pandemie hochladen kann.

Den Moment der Offenheit als Chance nutzen

Im Augenblick wird mit dem Archiv "nur" gesammelt. In Zukunft wird es darum gehen, das Material inhaltlich zu erschließen, zu sortieren und eventuell auch Forschungsprojekte dazu anzuregen. Ob die Corona-Krise als historisches Ereignis in die Geschichtsbücher eingehen wird, welche Rückschlüsse man aus dem "Coronarchiv" ziehen kann und wie wir uns später mal an diese Zeit erinnern werden, dafür sei es noch zu früh, sagt Benjamnin Roers, denn wir befinden uns ja noch mitten in der Pandemie.

Aber man könne natürlich schon im Hier und Jetzt gewisse Dinge hinterfragen: "Wenn wir uns ansehen, wie der Pflegebereich gerade aufgestellt ist oder generell der Gesundheitsbereich, könnte man ja auch den Schluss ziehen: der ist strukturell unterfinanziert. Da müssen wir dran drehen, das ist wichtig. Und vielleicht, dass wir den Moment der Offenheit auch als Chance sehen, um uns darüber auseinander zu setzen."

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 3.6.2020, 19:35 Uhr

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