Bernd Siggelkow

Die 26 ARCHEN in Deutschland helfen den Kindern, die am wenigsten haben. Wegen der Corona-Pandemie sind die Einrichtungen jetzt geschlossen. Doch Siggelkow hat Wege gefunden, seine Schützlinge nicht im Stich zu lassen.

Bernd Siggelkow schläft derzeit schlecht. Er macht sich große Sorgen, wie es den Kindern geht, die sonst jeden Tag zur ARCHE kommen. Er hatte sich vorgenommen, immer für die Kinder da zu sein. Doch vor über vier Wochen musste der Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerks die Türen der Einrichtungen wegen des Coronavirus schließen.

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Bernd Siggelkow, Gründer von "Die Arche"
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"Es war mein Wunsch, ein Paradies für Kinder zu schaffen", sagt er. Jetzt sind die Türen zu. Doch Bernd Siggelkow wollte sich damit nicht abfinden. Wenn die Kinder nicht zur ARCHE kommen können, dann kommt die ARCHE eben zu den Kindern. "Wir sind schnell auf die Idee gekommen: Wir gehen zu den Eltern nach Hause, bringen Lebensmittel, wir checken noch mal ab, dass wir alle Telefonnummern haben, damit wir WhatsApp-Gruppen gründen können", sagt er. Schon am nächsten Tag waren er und seine Mitarbeiter bei den Familien.

Kinder aus prekären Verhältnissen

Seit über 25 Jahren ist Bernd Siggelkow in Berlin Marzahn-Hellersdorf aktiv. Die meisten Kinder wachsen hier in prekären Verhältnissen auf: Sie sind arm, hungrig, einsam und vernachlässigt. Jeden Tag legen Bernd Siggelkow und seine Mitarbeiter jetzt Lebensmittel und Spielsachen vor die Haustür der Familien und schauen kurz nach den Kindern - aber immer mit Sicherheitsabstand. Eine Distanz, die viele Kinder nicht nachvollziehen könnten. "Es gab Situationen, wo ich die Treppen hochgekommen bin und die Kinder sind aus der Wohnung ausgebrochen und die letzten Stufen runtergesprungen, damit ich sie wenigstens in den Arm nehme", sagt der 56-Jährige. Dann liefen auf beiden Seiten schon mal Tränen.

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„Manche Kinder saßen noch nie auf dem Schoß ihrer Eltern.“ Zitat von Bernd Siggelkow
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Die Arche gebe den Kindern, was ihnen zu Hause oft fehle: Liebe, Aufmerksamkeit, Anerkennung. "Manche Kinder saßen noch nie auf dem Schoß ihrer Eltern", sagt er. Wie sich das anfühlt, kann Bernd Siggelkow gut nachvollziehen. Er ist selbst in Armut aufgewachsen. Er ist gemeinsam mit seinem Bruder bei seinem Vater groß geworden, die Familie hatte Schulden, der Vater war oft arbeiten. Mit sechs Jahren hat Siggelkows Mutter die Familie verlassen. "Von dem Moment an ging es bei uns in der Familie nur noch um Existenzkampf. Es gab nie eine Situation, wo meine Eltern oder meine Oma mich in den Arm genommen haben und gesagt haben: Ich liebe dich!"

"In den Familien könnte es schnell eskalieren"

Bernd Siggelkow ist aus dieser Situation ausgebrochen. Er ist der Heilsarmee beigetreten, hat zum Glauben gefunden, geheiratet, sechs Kinder bekommen und wurde Pastor. Doch das Thema Kinderarmut hat ihn nie losgelassen. Diese Mission stellt ihn jetzt gerade vor große Herausforderungen. Wenn er die Kinder wegen der Kontaktsperren nicht persönlich sieht, dann schreiben er und seine Mitarbeiter ihnen WhatsApp-Nachrichten, rufen sie an und haben ein Ohr, wenn es Probleme gibt.

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"Meine große Angst ist, dass es in den Familien ganz schnell eskalieren könnte. Dass Menschen Opfer von sexuellem Missbrauch werden oder Kinder von häuslicher Gewalt betroffen sind", sagt er. Was passiert mit den Kindern, nach denen gerade niemand schaut? Die den ganzen Tag in ihren Familien sind - ohne Ansprechpartner und Zufluchtsorte? "Ich bin schon ein bisschen wütend, weil alle Familienbetreuer nur noch von zu Hause Telefondienst machen und keiner mehr an den Haustüren steht um Stimmung abzufangen."

Ein unerwarteteter Hoffnungsschimmer

Viele Jugendämter hätten alles bis aufs Äußerste gekürzt und stünden nur noch mit dem Krisentelefon zur Verfügung. "Wenn ich mal so gucke, welche Organisationen alle schreien und Angst haben vor häuslicher Gewalt oder sexuellen Übergriffen, da frage ich mich: Warum seid ihr denn nicht da?" Er fordert, dass insbesondere Jugendämter in bereits bekannten Familien Präsenz zeigen. Dass sie klingeln, fragen ob alles in Ordnung ist und ihre Hilfe anbieten. Das ginge auch mit zwei Meter Abstand. Eines hat ihn jedoch überrascht: Gerade die Familien in Berlin Marzahn-Hellersdorf sind durch die Corona-Krise sogar zusammengewachsen. Denn sie verstünden jetzt: Wir sind gerade nicht die einzigen, die arm dran sind. Das ist ein unerwarteter Hoffnungsschimmer für Pastor Bernd Siggelkow.

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 17.4.2020, 19:35 Uhr

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