Autorenfoto von Carl von Siemens
Bild © Andreas Hornoff

Schriftsteller Carl von Siemens, Spross der Industriellen-Familie, berichtet kritisch über das Staudammprojekt Belo Monte im Amazonas-Regenwaldes – obwohl sich Siemens auch daran beteiligt hat.

Er ist weit gereist, hat andere Kulturen kennengelernt und indigene Völker besucht. Auf die Frage, was ihn zu seinen letzten drei Reisen veranlasst habe, über die er in seinem neuen Buch „Der Tempel der magischen Tiere“ schreibt, antwortet Carl von Siemens:

Weitere Informationen

Buch

Carl von Siemens: "Der Tempel der magischen Tiere"
Malik Verlag
288 Seiten
ISBN: 978-3890294919
20 Euro (gebundene Ausgabe)

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„Ich wollte lernen, die Welt mit anderen Augen zu sehen.“ Im Australischen Outback betätigte er sich als eine Art „Supernanny“ für einen Clan von Aborigines, begegnete ihrem magischen Denken und war fasziniert von ihrer „materiellen Besitzlosigkeit“. Dann fuhr er nach Mangaia, eine der südpazifischen Cook-Inseln, die er als einen Ort des Spuks erlebte. Der letzte Teil der Reise führte ihn nach Peru ins Amazonasgebiet und war für ihn eine Art „Erweckungserlebnis“, da er die Chance bekam, mit traditioneller halluzinogener Pflanzenmedizin zu arbeiten und sich mit der eigenen Identität und Herkunft zu beschäftigen.

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zum Artikel Carl von Siemens - Journalist und Autor

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Carl von Siemens, Urururenkel von Firmengründer Werner von Siemens, absolvierte zunächst ein klassisches Studium in Oxford und an der London School of Economics, fand aber nach eigener Aussage nie den Zugang zum Unternehmen. Sein Vater und Großvater hatten leitende Funktionen bei Siemens, doch Carl von Siemens brach mit dieser Tradition, weil er als junger Mann lieber um die Welt reisen und darüber schreiben wollte. Bevor er sich das jedoch zugestehen konnte, sei er „klassischen Brotberufen“ nachgegangen, war Unternehmensberater, Verlagsstratege und Gründer einer Web-Agentur.

Weit weg von seiner Wahlheimat Berlin mitten im peruanischen Regenwald begann er, sich Fragen zu stellen: „Warum mache ich das? Ich bin am Ende der Welt, ich bin in irgendeiner Hütte am Amazonas. Warum bin ich so weit weg? Laufe ich vor etwas davon?“ Ein Schamane habe ihm dann gesagt: „Die wichtigste Aufgabe ist es, das was man in der Ferne gelernt hat, in den Kontext zu integrieren, aus dem man stammt.“

Zitat
„Ich wollte lernen, die Welt mit anderen Augen zu sehen.“ Zitat von Carl von Siemens
Zitat Ende

Als Carl von Siemens dann nach Deutschland zurückkehrte, begann er, sich etwas intensiver mit der Firma Siemens auseinanderzusetzen und ging zu einer ihrer Hauptversammlungen. Dort hielt eine Aktivistin aus Brasilien eine flammende Rede gegen die Zerstörung der Natur im Amazonasgebiet, denn Siemens ist dort über ein Joint Venture am Bau des Staudamms Belo Monte beteiligt, für den zehntausende Menschen umgesiedelt werden mussten. Carl von Siemens reiste daraufhin mit einer Umweltschutzorganisation nach Brasilien, um sich ein Bild zu machen von diesem gigantischen Bau am Amazonas und begann, kritisch darüber zu berichten – auch über viele weitere von der brasilianischen Regierung geplante Staudammprojekte entlang des Amazonas-Nebenflusses Tapajós. Diese Dämme würden den Lebensraum von indigenen Völkern und Hunderten von Tier- und Pflanzenarten zerstören. Inzwischen haben Korruptionsskandale und Proteste dazu geführt, dass „Brasilien grundsätzlich diese Politik der großen Staudämme überdenkt“, sagt der Schriftsteller.

Mit einer konstruktiven Haltung ernst genommen werden

Und wie geht er als Teil der Industriellen-Familie damit um, dass sich Siemens über die Lieferung von Turbinen am umstrittenen Staudammprojekt Belo Monte beteiligt hat? „Ich bin ja jetzt grundsätzlich nicht jemand, der mit der Firma Siemens auf Kriegsfuß steht“, sagt Carl von Siemens, „Überhaupt nicht! Das ist in vielen Sachen ein tolles Unternehmen. Aber es gibt halt in jedem Korb das eine oder andere faule Ei und ich finde, es ist am Ende fast eher eine konstruktive Haltung, eine Firma auf diese faulen Eier hinzuweisen.“ Er sei überzeugt davon, dass er mit dieser „konstruktiven Haltung“ gehört und ernst genommen werde. „Es geht ja am Ende darum, dass so eine Firma erkennt, dass Umweltschutzorganisationen nicht irgendwelche Störenfriede auf Hauptversammlungen sind, sondern ein Frühwarnsystem.“

Carl von Siemens im Gespräch mit Mariela Milkowa auf der Leipziger Buchmesse
Carl von Siemens im Gespräch mit Mariela Milkowa auf der Leipziger Buchmesse Bild © hr

Die Suche nach dem Ursprünglichen auf seinen Reisen hat den Schriftsteller geprägt, daraus wuchs nach und nach sein umweltpolitisches Engagement. Ob es um das massive Artensterben geht, das Ausrotten von indigenen Völkern oder die Globalisierung, diese Dinge bewegen ihn. Heute sieht er die Welt in der Tat mit anderen Augen. „Es heißt immer, man kann von Naturvölkern lernen, die Natur zu respektieren“, sagt Carl von Siemens, “und wenn man sich diese Lektion zu Herzen nimmt, dann sollte man durchaus vor der eigenen Haustür kehren.“  

Sendung: Freitag, 6.4.2018, 19.30 Uhr

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