Die beiden Lebensmittelretterinnen Caro und Franzi
Bild © hr

Weil sie weggeworfene Lebensmittel aus dem Müllcontainer eines Supermarktes geholt hatten, wurden Caro und Franzi zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Jetzt wollen die beiden Studentinnen aus dem bayerischen Olching einen Freispruch vor Gericht erkämpfen, weil sie nichts Unrechtes getan hätten.

"Wenn man einmal containern war und sieht, wie viel gutes Essen da tatsächlich noch drin ist, finde ich das sehr schade, dass die Lebensmittel in der Tonne liegen und nicht verwertet werden", sagt Caro. Sie ist 27, blond, schlank und sehr groß. Sie studiert Tiermedizin an der Uni in München.

Audiobeitrag
Das Interview Symbolbild

Podcast

Zum Artikel Das Interview mit Caro und Franzi

Ende des Audiobeitrags

Zusammen mit ihrer WG-Mitbewohnerin und Freundin Franzi rettet sie Lebensmittel aus dem Müll. "Wir containern aus Überzeugung heraus, dass es nicht falsch ist, den Lebensmitteln einen Sinn zu geben, und dass es gar nicht passieren darf, dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden", sagt Franzi. Die 26-Jährige, die ihre lange, rotbraune Mähne zum Pferdeschwanz zusammengebunden hat und mindestens einen Kopf kleiner ist als ihre Freundin, studiert ebenfalls in München: Sinologie.

"Wir haben aus ethischen Gründen gehandelt"

Letzten Sommer, es war schon dunkel, steuerten sie eines abends in ihrem Wohnort Olching bei München mit ihren Fahrrädern den Müllcontainer eines Supermarktes an. Sie öffneten den Behälter mit einem Vierkantschlüssel und fischten jede Menge brauchbarer Lebensmittel heraus. "An dem Abend war sehr viel Gemüse dabei: Paprika, wo dann drei Paprika in der Tüte sind und eine ist ein bisschen angedellt, die zwei anderen sind aber noch super", erzählt Caro. Auch viele Milchprodukte lagen in der Tonne, ein paar Säfte und Schokolade, sagt sie.

Caro und Franzi wurden auf frischer Tat von der Polizei ertappt, es folgten eine Anzeige wegen Diebstahls - denn als solcher wird Containern strafrechtlich behandelt - und ein Prozess vor dem Amtsgericht Fürstenfeldbruck. Ende Januar wurden die beiden jungen Frauen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt: jeweils acht Stunden Sozialarbeit und eine Geldbuße von je 225 Euro. Caro und Franzi beteuern, es sei ihnen nicht bewusst gewesen, dass sie sich mit dem Containern strafbar machen würden. "Wir haben aus ethischen Gründen gehandelt, mit dem Ziel, die Lebensmittel weiter zu verteilen oder weiter zu nutzen", sagt Caro.

Online-Petition: "Containern ist kein Verbrechen"

Deswegen wollen sie nun vor Gericht einen Freispruch erkämpfen. Auch wenn das Containern selbst in der Lebensmittelretter-Szene umstritten ist, weil auch Müll noch jemandem gehört: Die beiden Studentinnen bestehen auf der guten Absicht, dass sie Lebensmittel retten wollten, die andere sowieso schon weggeworfen haben. Man glaubt es ihnen. Sie sind keine wütenden oder gewaltbereiten Aktivistinnen, sondern wirken im Gegenteil eher schüchtern und leise. Ihre Nachnamen wollen sie nirgends gedruckt sehen, sie nennen sich aus Spaß auch "die Olchis" - nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Erhard Dietl, das auf einer Müllkippe spielt.

"Containern ist kein Verbrechen" haben sie ihre Online-Petition genannt, die bereits über 120.000 Menschen unterschrieben haben und die sie nun der Politik übergeben wollen. Sie haben hauptsächlich zwei Forderungen: die Entkriminalisierung des Containerns und die Verpflichtung von Supermärkten, Lebensmittel weiterzugeben. Die Entkriminalisierung könne man "durch zwei verschiedene Wege erreichen, so wie es auch die Linken fordern", erklärt Caro: "Durch eine Herrenlosigkeit der Lebensmittel in der Mülltonne, oder auf der anderen Seite, dass man Containern aus dem Diebstahls-Paragrafen herausnimmt." Die Supermärkte sollten die Lebensmittel, die sie nicht mehr verkaufen können, etwa an die Tafel oder ähnliche Strukturen weitergeben. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Frankreich oder Tschechien, wird das bereits gemacht.

Kritik an Maßnahmen der Regierung

Zwar sei zum Thema Lebensmittelverschwendung eine öffentliche und politische Debatte in Gang gesetzt worden, doch es werde immer noch zu wenig dagegen getan, finden die beiden Studentinnen. Nach Schätzungen der Umweltorganisation WWF landen jedes Jahr in Deutschland rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, das ist ein Drittel der deutschen Lebensmittelproduktion.

Zwar hatte Julia Klöckner, die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, im Februar eine "Nationale Strategie zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung" vorgestellt, mit der sie bis zum Jahr 2030 die Lebensmittelabfälle in Deutschland halbieren will - so ist es in den UN-Nachhaltigkeitszielen festgelegt. Das seien aber "alles freiwillige Maßnahmen und es wird hauptsächlich nur am Verbraucher angesetzt", kritisieren Caro und Franzi.

Teil der globalen Klimabewegung

Die beiden Freundinnen sehen sich als Teil der globalen Klimabewegung. Denn die Eindämmung der Lebensmittelverschwendung wäre die "drittwirkungsvollste Maßnahme gegen die Klimaverschmutzung", sagt Franzi. Und Caro ergänzt: "Die Produktion von Lebensmitteln bedeutet Ressourcen – in Form von CO2, in Form von Wasser und Bodennutzung. Und wenn man sehr viel mehr herstellen muss als man tatsächlich konsumiert, bedeutet das einen Mehrverbrauch an CO2 - und das schlägt sich halt im Klima nieder."

Obwohl sie ihre Chancen nicht sehr hoch einschätzen, hoffen Caro und Franzi nun doch noch auf einen Freispruch vor Gericht. Die Solidarität und Unterstützung, die sie aus der Bevölkerung erfahren haben, sei überwältigend gewesen und habe ihnen Mut gemacht, sagt Caro: "Wir haben superliebe Menschen um uns, die uns sehr viel Kraft gegeben haben, weiterzumachen und nicht einzuknicken."

Jetzt im Programm