Christian Nickel als "Peer Gynt" in Bad Hersfeld auf der Bühne.
Christian Nickel als "Peer Gynt" in Bad Hersfeld auf der Bühne. Bild © picture-alliance/dpa

Er ist Hersfeld-Preisträger und Publikumsliebling: Christian Nickel steht zur Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele 2018 als „Peer Gynt“ auf der Bühne der Stiftsruine. Ein Gespräch über die erste Spielzeit nach Dieter Wedel, Machtstrukturen am Theater und heilsames Holzhacken.

Zweimal wurde er bereits mit dem Großen Hersfeld-Preis ausgezeichnet, jetzt geht Christian Nickel mit großer Lust und Leidenschaft in seine dritte Spielzeit bei den Bad Hersfelder Festspielen. "Es ist eine Ehre diesen Preis zu bekommen. Und in Hersfeld wieder spielen zu dürfen, ist vielleicht noch eine größere – wenn es dann solch eine Rolle ist wie in diesem Jahr der Peer Gynt." Mit dieser Figur verbinde ihn persönlich sehr viel, erzählt Christian Nickel, denn das Theaterstück von Ibsen habe ihn nie losgelassen: "Das Stück ist ganz am Anfang meines Berufslebens aufgetaucht – nämlich in Frankfurt, wo ich das spielen durfte am Schauspiel vor 21 Jahren." Regie geführt hatte damals Robert Schuster, der das Stück auch für Bad Hersfeld neu inszeniert hat. "Dass es mir nun nochmal über den Weg läuft oder in den Schoss gelegt und mir als Aufgabe gestellt wird, das empfinde ich als großes Geschenk."

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Peer Gynt, der auch als der "nordische Faust" bezeichnet wird, sei ein Klassiker der Theaterliteratur, den es zu entdecken gilt. Neben Christian Nickel in der Hauptrolle sind unter anderem Andreas Schmidt-Schaller, Nina Petri, Anouschka Renzi und Claude-Oliver Rudolph in der Inszenierung zu sehen. Aber nicht nur wegen der namhaften Schauspieler sei das Stück interessant, sagt Nickel.

Es sei ein Volksmärchen, das die "zeitlose Problematik des Menschseins" auffächere und Fragen aufwerfe, die jeden beschäftigen: "Diese Nabelschau: Was bin ich eigentlich? Bin ich ein Mensch, der den Konflikten ausweicht? Stelle ich mich den Dingen, die sich in meinem Leben auf mich zubewegen? Was richte ich damit für einen Schaden an, auch bei anderen Menschen? Wann bin ich ich selbst?" In der neuen Inszenierung gebe es allerdings deutlich aktuellere Bezüge als vor 21 Jahren, denn das Internet spielt zum Beispiel eine Rolle, als Ort, "wo man sich verlieren kann in verschiedenen sogenannten Identitäten".

Holzhacken als Kompensation

Christian Nickel, der schon während seiner Schauspiel-Ausbildung in Berlin von Regisseur Peter Stein entdeckt wurde, ist einer, der auf der Bühne bis zur Erschöpfung spielt. Das konnte das Publikum in Bad Hersfeld zum Beispiel im vergangenen Jahr beobachten: Da sprang Nickel einen Tag vor der Premiere von Dieter Wedels "Luther"-Inszenierung ein und übernahm zusätzlich zur eigenen Rolle auch noch den Part von Paulus Manker. Wedel hatte den Schauspieler nach einem Streit kurzfristig gefeuert.

Zitat
„Das Holzhacken wird dann wichtig, wenn man sich in merkwürdigen Stücken wiederfindet, wo ich zu wenig erlebe. Das ist wahnsinnig unbefriedigend und enttäuschend, und ich merke innerlich, jetzt muss ich mal mit einem Beil in einen Klotz reinhauen.“ Zitat von Christian Nickel
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Christian Nickel reizen solche Herausforderungen, bei denen er an die eigenen Grenzen gehen kann. Dabei verausgabt er sich körperlich fast so wie beim Holz hacken jeden Sommer im Urlaub in Schweden. "Es tut mir gut, Holz zu hacken", sagt er schmunzelnd. Das sei eine Art Kompensation für das, was er auf der Bühne erlebe. "Das Holz hacken wird dann wichtig, wenn man sich in merkwürdigen Stücken wiederfindet, wo ich zu wenig erlebe. Das ist wahnsinnig unbefriedigend und enttäuschend, und ich merke innerlich, jetzt muss ich mal mit einem Beil in einen Klotz reinhauen."

Für Christian Nickel ist es nun die dritte Spielzeit in Bad Hersfeld und es ist die erste nach der Ära Dieter Wedel. Er war im Januar als Intendant der Festspiele zurückgetreten, nachdem mehrere Schauspielerinnen ihm teils lange zurückliegende sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten. Wenn man Nickel fragt, was hinter den Kulissen in Bad Hersfeld anders geworden ist, sagt er: "Das Klima hat sich insofern verändert, dass vielleicht mit etwas weniger Druck insgesamt gearbeitet wird."

Metoo-Debatte ein Thema?

Das habe natürlich auch mit dem neuen Intendanten Joern Hinkel zu tun, der von seinem Charakter und Auftreten her ganz anders sei als Dieter Wedel. Nickel spricht von Druck, Autorität, Macht und Hierarchie, was nach wie vor am Theater eine große Rolle spiele. Die Ehrfurcht vor Wedel habe bei manchen im Ensemble zu "gewissen Angstzuständen oder Lähmungen" geführt, erzählt Nickel. Einige hätten sich "in ihrem ganzen Verhalten nicht ganz frei bewegen" können.

Christian Nickel im Gespräch mit Mariela Milkowa
Bild © hr

Dennoch hätten ihn die Vorwürfe gegen Dieter Wedel "in diesem Ausmaß komplett überrascht", sagt der Schauspieler. Er habe Wedel erst viel später kennengelernt und seit 2006 vier Stücke mit ihm gemacht. "Für mich stellt sich das ganz anders dar: Ich verliere dort einen künstlerischen Partner, mit dem ich sehr gut zusammen gearbeitet habe, der durchgängig intelligent und höflich sich mir gegenüber verhalten hat." Aber Christian Nickel, der selbst auch als Regisseur arbeitet, ist sich sehr wohl bewusst, "was Wedel bei vielen Menschen ausgelöst" habe, schon bevor überhaupt "eine Art von Attacke" stattgefunden habe. Im Interview spricht Nickel offen darüber, wie es ist, als Schauspieler persönlich angegriffen und in seiner Rolle kritisiert zu werden: "Ich muss mit meinem Gesicht dafür gerade stehen, dass ein Regisseur sagt: Du guckst so blöd. Manchmal tut es wahnsinnig weh."

Auf die Frage, ob das Ensemble der Bad Hersfelder Festspiele im Zuge der Metoo-Debatte bestimmte Benimm-Regeln untereinander vereinbart habe, damit erst gar keine Probleme entstünden, antwortet Christian Nickel: "Überhaupt nicht, ich weiß auch gar nicht, wo sie entstehen sollen. Wir arbeiten von morgens bis abends, sind auch ausgelassen und auch übermütig hin und wieder, aber in diesem Sinne gibt es keine Übergriffigkeiten. Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ich bin jetzt im dritten Jahr hier – gab’s vorher auch nicht."

Sendung: hr-iNFO, 6.7.2018, 16:20 Uhr

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