Christian Stückl
Bild © Gabriela Neeb

Gut eine Woche vor der Landtagswahl in Bayern ist die CSU laut ARD-Bayerntrend auf ein Rekordtief von 33 Prozent abgesackt. Stückl erklärt, wie die Bayern ticken und warum sich viele Wähler von der CSU entfremdet haben.

Es rumort im Freistaat, auf Großdemos machen die Bürger ihrem Unmut Luft. Erst diese Woche sind am Tag der Deutschen Einheit wieder zehntausende Menschen in München auf die Straße gegangen, um gegen eine Politik der Hetze und Spaltung zu protestieren, die nach Meinung der Demonstranten vor allem auch die CSU vorangetrieben habe. Einer, der das alles ganz genau beobachtet, ist Christian Stückl. Der Intendant des Münchner Volkstheaters und der Passionsspiele in Oberammergau ist ein traditionell geprägter Bayer durch und durch, einer, der sich auch politisch einmischt und an Demos teilnimmt.

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Stückl scheut sich nicht, politisch "klare Haltung" zu zeigen, weder privat noch in seiner Position als Theaterintendant. Mit seinem Volkstheater hatte er im Juli die #ausgehetzt-Demo gegen den Rechtsruck in Gesellschaft und Politik in München unterstützt - auch wenn er sich dabei den Zorn der CSU-Stadtratsfraktion zuzog und nach deren Augen gegen das Gebot der Neutralität verstoßen hatte. "Wir Theaterleute müssen doch Sachen, die in der Gesellschaft unserer Meinung nach falsch laufen, auch benennen dürfen", sagt der 56jährige. "Ich glaube, es ist unsere Pflicht und Aufgabe, uns als Künstler und Theaterschaffende auch in die politischen Geschichten einzumischen."

Geist zum Theatermachen am Stammtisch geformt

Der leidenschaftliche Theatermacher, der in der Gastwirtschaft seiner Eltern in Oberammergau "praktisch am Stammtisch aufgewachsen" sei, hat feine Antennen für seine Mitmenschen entwickelt. "Ich glaube, ich habe meinen Geist zum Theatermachen und zum Menschen beobachten am Stammtisch geformt", sagt er. Aber momentan schaut selbst er als "Bayernversteher" etwas verwirrt auf sein Heimatland, weil sich dort offenbar einige Dinge verschoben haben.

Die alte Gleichung 'Bayern ist gleich CSU und CSU ist gleich absolute Mehrheit' scheint nicht mehr zu stimmen, wenn man aktuellen Umfragen Glauben schenkt. Die CSU liegt im aktuellen ARD-Bayerntrend nur noch bei 33 Prozent, das ist ein historischer Tiefpunkt. Ebenfalls historisch: Die Grünen sind nach der Umfrage mit 18 Prozent zweitstärkste Kraft im Land, vor der SPD und den Freien Wählern mit jeweils 11 Prozent, gefolgt von der AfD mit 10 Prozent. Die AfD würde demnach erstmals in den bayerischen Landtag einziehen. "Es hat in Bayern fast niemand gedacht, dass die CSU irgendwann mal soweit absackt", kommentiert Christian Stückl die aktuellen Umfragewerte. "Und man hat ja wirklich im Augenblick das Gefühl, da rutscht was total aus den Angeln."

"Es wird nur noch mit Parolen gearbeitet"

Auf die Frage, wie er sich die großen Verluste bei der CSU erklärt, die in Bayern fast immer alleine regiert hat, sagt er: "Ich glaube, die Leute sind von vielen Sachen, die in den letzten Jahren passiert sind, enttäuscht." Ein Problem sei, dass die CSU-Spitze aus Seehofer, Söder und Dobrindt keine gemeinsamen Ideen entwickele und "nichts nach vorne“ bringe. Sondern man streitet sich halt und man provoziert Staatskrisen", so Stückl.

Außerdem gehe es darum, wie die CSU mit der AfD umgehe: "Rechts von der CSU gibt's was und sie versuchen immer noch, diesen rechten Rand wieder einzufangen - das irritiert aber die Mitte." Bei der #ausgehetzt Großdemo in München, an der er auch teilgenommen hatte, seien genau diese Menschen aus der bürgerlichen Mitte mitmarschiert - Familien mit Kindern etwa - und hätten gegen den Politik-Stil der CSU-Spitze demonstriert, vor allem auch im Umgang mit Migranten. "Im Augenblick hat man das Gefühl, es geht nur um Ausgrenzung", sagt der streitbare Theaterintendant. Und da greife die CSU zu kurz: "Die müssen jetzt klare Dinge formulieren, wie wir mit dieser Krise umgehen. Man hat das Gefühl, keiner mehr hat das richtig im Griff, es wird eigentlich nur noch mit Parolen gearbeitet."

Wenn Christian Stückl an die Landtagswahl am 14. Oktober denkt, habe er zwar schon ein wenig Bauchschmerzen, weil man nicht wissen könne, worauf es hinauslaufen werde. Aber wenn die CSU einen Koalitionspartner wie zum Beispiel die Grünen zum Regieren brauche, tue es der Partei sicherlich auch gut, meint Stückl. "Ich glaube, wir müssen wieder lernen, mehr miteinander zu diskutieren. Dann verändert sich auch vielleicht mal wieder was."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 5.10.2018, 19:35 Uhr

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