Christiane Woopen

Ein Impfstoff gegen das Coronavirus wird noch gesucht, doch ein Verteilungskampf darum ist schon längst entbrannt. Wie kann ein Impfstoff gerecht verteilt werden? Eine Frage im Grenzbereich von Medizin und Ethik – wie gemacht für Christiane Woopen.

Erst denken, dann reden: Christiane Woopen scheint dieses Motto verinnerlicht zu haben. Denn bei ihr klingt kein Satz irgendwie dahingesagt. Sie macht sich Gedanken und das macht sie gern. Vor allem, wenn es um die Frage geht, was "richtiges" und "moralisches" Handeln ist.

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Ein besserer Mensch sei man als Ethiker aber deshalb nicht. "Ich glaube, ein guter Ethiker ist weit davon entfernt, zu schnell zu urteilen und auch zu schnell zu moralisieren und den moralischen Zeigefinger zu erheben", sagt die Professorin und vierfache Mutter.

Gerecht kann auch heißen: Bedürftige zuerst

Noch existiert kein Impfstoff gegen das Coronavirus. Aber wenn er da ist, soll er "schnell und gerecht" verteilt werden, fordert die Weltgesundheits-Organisation (WHO). Aber was ist aus Sicht einer Ethikerin "gerecht"? Wenn alle gleich behandelt werden oder wenn manche bevorzugt werden? "Gerecht heißt zum Einen, dass man nach den Bedarfen geht", sagt Woopen. "Also dass es nicht um einen Konkurrenzkampf geht, welcher Staat kauft am schnellsten die meisten Impfdosen. Sondern dass man schaut: Welche Menschen brauchen denn dem Impfstoff am wichtigsten?“.

Das seien unabhängig vom Wohnort die Menschen mit dem höchsten Risiko einer schweren Erkrankung, so Woopen. Auch bei ihren vier Kindern habe Gerechtigkeit schließlich nicht bedeutet, alle gleich zu behandeln. Gerechter sei es, jeden Menschen nach seinen Talenten und Neigungen gemäß zu behandeln.

Freiheit ist das höhere Gut

Von einer Impfpflicht hält die 57-Jährige nichts. Die Freiheit des Einzelnen sei in Abwägung mit der Gesundheit aller das höhere Gut. Aber eben nicht grenzenlos: "Freiheit ist aus ethischer Perspektive sicherlich das höchste Gut. Allerdings geht es da um die Freiheit des Einzelnen, sein Leben nach seinen Vorstellungen leben zu können. Und dabei ist ja nicht eingeschlossen, dass er nach Belieben andere gefährden darf."

Wer sich so viel mit Werten beschäftigt wie eine Ethik-Professorin, der braucht ein gutes eigenes Werte-Fundament. Bei Christiane Woopen ist das ihr Glaube. Und der ist rheinisch-katholisch geprägt. Die Mutter: Religionslehrerin, Studienförderung vom bischöflichen Cusanuswerk. Besonders geprägt habe sie aber die Schulzeit auf der erzbischöflichen Liebfrauenschule in Köln. Die damalige Schulleiterin Schwester Corda ist ihr bis heute im Gedächtnis: "Weil die Klischees aufgehoben wurden. Schwester Corda war immer jemand, der die Grenzen ausgereizt hat, aber sehr klar war. Und das war ein tolles Vorbild."

Spaß an den schwierigen Themen

Prä-Implantations-Diagnostik, Sterbehilfe oder eben Corona-Impfstoff: Christiane Woopen hat Spaß an den schwierigen Themen. An den Fragen, bei denen es um alles geht. "Die Freude daran, sehr nah an der existenziellen Dimension des Lebens zu sein. Man merkt gerade an diesen Fragestellungen, was das Leben tatsächlich ausmacht."

Wer sich mit Christiane Woopen unterhält, dem muss klar sein, dass so ein Gespräch nicht oberflächlich sein kann. Und so enthält dieses Interview sogar die Antwort auf die Frage aller Fragen. Die nach dem Sinn des Lebens.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 24.7.20, 19:35 Uhr

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