Christoph Busch vor seinem Erzähl-Kiosk im U-Bahnhof "Emilienstraße"

Christoph Busch hat ein Ohr für die Menschen. Vor einem Jahr hat der Drehbuchautor einen Zuhör-Kiosk in einer Hamburger U-Bahnstation ins Leben gerufen und damit offenbar einen Nerv getroffen. Denn die Resonanz ist enorm.

Eigentlich hatte Christoph Busch den leer stehenden Kiosk in der U-Bahn-Haltestelle Emilienstraße als Schreibstube angemietet. Er wollte dort ein Buch schreiben und fand, der Glaskasten zwischen den Gleisen im Hamburger "Untergrund" könnte ein inspirierender Ort sein.

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Doch dann kam alles anders, denn die Leute rannten ihm die Bude ein und wollten ihm ihre Geschichten erzählen. "Das hat mich natürlich erstmal völlig überrollt", gesteht er und das sei wahrscheinlich nur gut gegangen, weil er viele Psychologen kenne und einiges gelesen habe. Aber vor allem, weil er sich auf sein Gefühl verlassen habe. Dabei habe er die Erfahrung gemacht, die Leute seien froh, dass ihnen endlich mal einer zuhöre.

Es sind "Helden", die zum Zuhör-Kiosk kommen

Was die Leute ihm erzählen, habe oft mit ihrer Kindheit zu tun und mit Problemen, die sie von klein auf geprägt hätten. "Es ist die Kindheit, aus der das Unglück der Erwachsenen kommt", glaubt Christoph Busch, dem viele Begegnungen auch sehr nahe gehen. In den Gesprächen geht es um viele verschiedene Themen. "Das fängt an mit Entscheidungen, die man treffen muss – zwischen mehreren Menschen, wenn man verliebt ist oder welchen Berufsweg man gehen will und das hört auf mit Selbstmordgefahr", erzählt Christoph Busch.

Meistens hört er traurige Geschichten. Am Anfang habe ihn das Leid und Unglück der Menschen "überfallen", aber dann sei ihm klar geworden: Es sind "Helden", die zum Zuhör-Kiosk kommen. Es bedarf Mut, sich dem anderen anzuvertrauen. Busch erzählt die Geschichte von zwei Frauen, die jahrelang geschlagen worden seien, sich im Frauenhaus kennengelernt und angefreundet hätten und nun zusammen wohnen würden. Auch sie hätten den Weg zu ihm in den Zuhör-Kiosk gefunden, um ihm diese Geschichte zu erzählen.

Ein "lebendiges Aufzeichnungsgerät"

Aber natürlich komme er manchmal auch an seine Grenzen: "Ganz hilflos bin ich bei Leuten mit Verfolgungswahn",  sagt der 73-Jährige, denn er ist ja nicht geschult für das, was er tut. Immerhin bringt der Drehbuchautor eine große Lebenserfahrung mit: Er hat beruflich und privat viele Umbrüche erlebt, hat Jura studiert (nicht ganz zu Ende), als Taxifahrer, Antiquitätenhändler und Journalist gearbeitet und wurde mit 59 zum ersten Mal Vater.

Zitat
„Es ist die Kindheit, aus der das Unglück der Erwachsenen kommt.“ Zitat von Christoph Busch
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Als Zuhörer sagt er auch seine Meinung und gibt den einen oder anderen Ratschlag. Dafür habe er die Formel gefunden: "Ich bin für den Moment, wo jemand da ist, ein fremder Freund." Man müsse ihn nicht wiedersehen, er sei so etwas wie ein "lebendiges Aufzeichnungsgerät."

Wenn die Politik zuhören würde, wäre vieles besser

Nachdem Christoph Busch den Kiosk ein halbes Jahr lang allein betrieben hatte und die Resonanz enorm war, suchte er sich Verstärkung. Heute lauschen dort insgesamt 15 Ehrenamtliche den Geschichten der Menschen. Wie erklärt er sich den großen Andrang? Der Ort spiele eine wichtige Rolle, erklärt Busch. Man könne sich im letzten Moment überlegen, "ich traue mich doch nicht, ich nehme die Bahn und keiner hat’s gemerkt."

Der gläserne Kiosk sei offen und die Hemmschwelle sehr niedrig. Aber was die Leute auch dorthin locke, sei die Beschäftigung mit ihren Gefühlen. Auch Christoph Busch habe durch das Zuhören viel über seine Gefühle gelernt und sie sich wieder bewusst gemacht. Allerdings habe sich durch die vielen Gespräche sein Blick auf die Gesellschaft verschlechtert und auch geschärft, sagt der Hamburger Drehbuchautor.

Weitere Informationen

Webseite des Zuhör-Kiosks

Ende der weiteren Informationen

Dort unten in der U-Bahn spüre er wieder stärker die soziale Ungerechtigkeit und die Schere zwischen Arm und Reich, die immer größer werde. Und dann versuche er sich klar zu machen, was grade passiert, zum Beispiel: "wieso funktioniert der Populismus so gut?"  Das mache ihm Sorgen. Christoph Busch ist überzeugt, wenn die Politik den Menschen besser zuhören würde, wäre vieles besser.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 24.12.2019, 19.35 Uhr

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