Christoph Schröder

Recht machen können sie es selten - tauschen möchte aber kaum einer mit ihnen: Fußball-Schiedsrichter. Christoph Schröder pfeift seit vielen Jahren Amateurspiele. Er sagt: Die Aggressivität auf dem Platz habe zugenommen.

Im südhessischen Münster muss ein Schiedsrichter mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Er wurde niedergeschlagen, weil er einen Platzverweis erteilt hatte. In Offenbach wird ein Schiri geschlagen, getreten und bespuckt: Spielabbruch. Nur zwei besonders heftige Vorfälle, beide geschehen auf Fußballplätzen in den hessische Amateurligen. Über soziale Medien verbreiten sich die Bilder von Hetzjagden und Prügelattacken. Es hat den Anschein, als ob es immer mehr Gewalt gegen Unparteiische gibt.

Zitat
„Fußball ist ein Spiegelbild dieser Gesellschaft und wir Fußball-Schiedsrichter sind dann oftmals der Lappen, mit dem man die Welt abputzt.“ Zitat von Christoph Schröder
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Ist das so? Christoph Schröder ist selber Schiedsrichter. Er pfeift seit mehr als drei Jahrzehnten in den Amateurligen und arbeitet außerdem als Coach und Schiedsrichter-Beobachter. Schröder sagt: "Fußball ist ein Spiegelbild dieser Gesellschaft und wir Fußball-Schiedsrichter sind dann oftmals der Lappen, mit dem man die Welt abputzt. Aber wir sind natürlich nicht der Reparaturbetrieb dieser Gesellschaft. Alles, was sich gesellschaftlich zeigt, wird auf dem Fußballplatz eins zu eins wiedergegeben.“

Angriffe werden härter

Das, was sich auf den Amateurplätzen abspielt, hat sich in den letzten 30 Jahren verändert. Diese Zeitspanne kann Christoph Schröder überblicken. Seit 1988 fährt er als Schiri zu Fußballspielen in den Amateurligen. Seine Wahrnehmung ist: Es gibt nicht mehr gewaltsame Übergriffe, aber die Angriffe werden härter.

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Zum Artikel Christoph Schröder – Amateurschiedsrichter und Schiedsrichterbeobachter in Hessen

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"Die Qualität der Aggressivität, die Qualität der Vorfälle und Gewalthandlungen, die hat sich eindeutig geändert. Es ist natürlich schon ein Unterschied, ob Sie beim Abgang vom Sportplatz von irgendeinem Opi mit dem Schirm auf den Po geklopft bekommen, oder ob sie mit der Faust einen Schlag ins Gesicht bekommen und ohnmächtig werden. Das ist ein gravierender Unterschied und solche Fälle hatten wir eben bedauerlicherweise, schockierender Weise in letzter Zeit häufiger und ich glaube das macht vor allem den Unterschied."

Der deutsche Fußballbund hat für die Saison 2018/19 deutschlandweit fast 3000 Angriffe auf Schiedsrichter erfasst. Das ist eine leichte Steigerung gegenüber der Vorsaison. Insgesamt wurde jedes zweitausendste Fußballspiel wegen gewaltsamer Vorfälle abgebrochen, also waren tatsächlich nur weniger als 1 Prozent aller Spiele betroffen.

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Buchtipp

ICH PFEIFE! Aus dem Leben eines Amateurschiedsrichters
Tropen Verlag, 16,95 €

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Christoph Schröder ist nicht nur Schiedsrichter, er ist auch als Coach und Schiedsrichter-Beobachter für den Hessischen Fußballverband unterwegs. Hauptberuflich ist er Kulturjournalist und Dozent an einer Hochschule. Aber aus seiner Leidenschaft für den Fußball hat er nie einen Hehl gemacht. In einem Buch hat er seine Erfahrungen auf den Sportplätzen Hessens aufgeschrieben. Es ist eine augenzwinkernde Hommage an den Fußball auf den kleinen Plätzen.

Der Kick am Sonntagnachmittag repräsentiert für Schröder alle gesellschaftlichen Schichten: "Ich habe sehr stark das Gefühl, dass der Umgang untereinander im Alltag aggressiver geworden ist. Das kann auf der Autobahn sein, das kann beim Bäcker sein. Schauen Sie sich die Politik an, die zunehmend konfrontativ wird."

Weniger Respekt vor Autoritäten

Dazu beobachtet Schröder, dass es immer weniger Respekt vor Autoritäten gibt. Da sieht er die Schiris in einer Reihe mit Rettungssanitätern, Feuerwehrleuten oder Polizisten. Der Fußball ist in seinen Augen ein Spiegel der Gesellschaft. Und noch etwas spiegelt sich auf den Amateurplätzen: Das was die Stars in der Bundesliga machen.       

"Der Satz gilt wirklich ungebrochen: Das, was sie am Samstagnachmittag bei Sky oder abends in der Sportschau sehen, sehen sie am Sonntagmittag auf Amateurplätzen. Das ist so. Wenn die sich irgendwie einen fantastischen Jubel ausdenken, dann können sie sicher sein: Dann treffen die sich am Sonntagvormittag und üben das ein, um das dann auch zu machen. Im Positiven wie im Negativen wird alles nachgeahmt. Und deswegen ist die Verantwortung ungeheuer groß."

Vorbildfunktion der Profis

Der Bodycheck, mit dem Frankfurts Kapitän David Abraham den Trainer Christian Streich von den Füßen holte ist für Schiedsrichter Schröder deswegen auch ein absolutes NoGo. Ein denkbar schlechtes Beispiel für die Amateure.

Unterdessen will der Hessische Fußballverband auf die Gewalt der vergangenen Wochen reagieren. In der kommenden Saison soll die Höchststrafe verschärft werden. Schläger, wie der von Münster, sollen zukünftig nicht nur drei, sondern fünf Jahre lang gesperrt werden können.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 06.12.19, 19.35 Uhr

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