Oberarzt Cihan Çelik

Für Oberarzt Cihan Çelik gehören auch anstrengende Diskussionen zum Alltag auf der Covid-Station am Klinikum Darmstadt: mit strikten Impfverweigerern etwa, die nicht einsehen wollen, dass sie schwer erkrankt sind. Wie bewältigt man das? Und wie groß ist seine Sorge vor Omikron?

Im vergangenen Jahr war Oberarzt Cihan Çelik selbst schwer an Corona erkrankt. Er bemüht sich, mit Fehlinformationen und Unwissen im Netz aufzuräumen - und wird dafür angefeindet. Wenn er über seinen Alltag auf der Covid-Station am Klinikum Darmstadt berichtet, wirkt er trotz seines fordernden Jobs ruhig und gelassen.

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hr-iNFO: Herr Çelik, wie angespannt ist die Lage bei Ihnen am Klinikum Darmstadt?

Çelik: Wenn wir vergleichen mit Bundesländern wie Sachsen oder Thüringen, in denen Inzidenzen weit über 1000 herrschen, sind wir in Hessen noch glimpflich davongekommen. Wir sind weit entfernt von den Zuständen in der zweiten und dritten Welle, in der wirklich drei große Normalstationen nur für Covid-Patienten reserviert waren, das ist aktuell glücklicherweise nicht so.

Die Intensivkapazitäten sind aber nochmal eine andere Sache. Denn die Patienten sind deutlich jünger. Und wer einmal auf die Intensivstation kommt – also einen so schweren Verlauf hat, dass er auf der Intensivstation behandelt werden muss -, der liegt meistens aktuell deutlich länger, weil er jünger ist und länger um sein Leben kämpft und glücklicherweise auch seltener daran verstirbt. Aber das passiert nicht von allein, das kostet viel medizinische Versorgung und Kraft und Mühe und auch Ressourcen auf der Intensivstation.

Auf der Intensivstation sind 80, 90 Prozent nicht geimpft. Auf unserer Covid-Normalstation sind 60 Prozent nicht geimpft. Aber da lohnt sich auch ein genauerer Blick: Es reicht momentan nicht, einfach nur zu zählen, wer auf der Covid-Station geimpft und ungeimpft ist, sondern man muss die schweren Verläufe zählen. Und von den schweren Covid-Erkrankungen, die wir bei uns gesehen haben, waren nur zehn bis zwölf Prozent geimpft.

hr-iNFO: Welche schwierigen Situationen erleben Sie mit uneinsichtigen Patienten?

Çelik: Ein Klassiker mittlerweile ist der Patient mit einer schweren Covid-Pneumonie (Lungenentzündung), der felsenfest davon überzeugt ist, dass das gar nichts mit Covid zu tun hat, sondern eine bakterielle Lungenentzündung oder eine leichte Grippe ist - und obwohl er schwer Sauerstoff-bedürftig ist, es nicht einsieht, dass er sich verkalkuliert hat und es die falsche Entscheidung war, sich nicht impfen zu lassen. Der Patient, der seine eigene Erkrankungsschwere nicht einsieht, ist auch ein Problem für die weitere Therapie. Und das ist der Moment, wo es sehr frustrierend für uns wird.

Eine andere Situation ist die Konstellation mit Angehörigen, die zu Hause sitzen, nicht sehen, wie es dem Patienten geht, aber sehr viel Einfluss auf den Patienten haben und uns nicht unterstützen bei der Therapie. Das kann bis zu einem Punkt führen, in dem wirklich Medikamente, die helfen würden, verweigert werden.

Und das dritte sehr Frustrierende ist für uns, wenn die älteren Patienten, beispielsweise über-80-Jährige, die nicht geimpft sind, einfach darauf verweisen, dass die erwachsenen Kinder gesagt haben, dass eine Impfung nicht sinnvoll wäre, dass es zu gefährlich wäre. Und genau in solchen Konstellationen haben wir schon einige Patienten verloren.

hr-iNFO: Wie gehen Sie und Ihr Team damit um - sind Sie da in einem persönlichen Dilemma, weil Sie Ihre eigenen Gefühle ständig wegschieben müssen?

Çelik: Nein, das versuchen wir offen zu halten. Sowohl für die Pflegekräfte als auch für unsere ärztlichen Mitarbeiter im Team ist die Tür immer offen, dass wir immer über die Arbeitsbelastung, aber auch über die emotionale Belastung sprechen können. Und das kann manchmal absurde Formen annehmen. Der Humor im medizinischen Bereich ist auch immer etwas, was für Außenstehende sehr befremdlich ist. Aber es ist auch so ein Bewältigungsmechanismus. Wir dürfen unser Lachen nicht verlieren, das geht nie auf Kosten des Patienten, aber die Absurdität mancher Situation auf Station, über die muss man auch mal lachen können, sonst lässt sich das ja nicht ertragen.

hr-iNFO: Welche Auswirkung könnte eine Ausbreitung der Virus-Variante Omikron für die Kliniken haben?

Çelik: Zunächst einmal: Das zweifache Impfen reicht bei Omikron wahrscheinlich nicht aus, um wirklich viele Durchbruch-Infektionen zu verhindern. Aber die Booster-Impfung scheint quasi den Schutz wiederherzustellen. Worauf es ankommt wird sein, dass wir jetzt genügend Booster-Impfungen durchführen, dass dieser Zeitpunkt der Omikron-Welle, die wahrscheinlich auf uns zukommt, nicht in einen ganz vulnerablen Bereich fällt.

Das heißt: Wir hatten bereits zwischen der zweiten und dritten Welle die Situation, dass noch bevor viele Patienten aus der vorherigen Welle das Krankenhaus und die Intensivbetten verlassen haben, es schon zu dem nächsten Anstieg kam. Also die Talsohle war gar nicht so tief im Krankenhaus und schon kam der nächste Schwung an Patienten. Und wenn wir uns jetzt vorstellen, dass es ab Januar, Februar vielleicht etwas runtergeht mit den Patientenzahlen in der vierten Welle, und uns dann direkt die Omikron-Welle trifft, wäre das wirklich der denkbar schlechteste Zeitpunkt.

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Das Interview führte Mariela Milkowa.

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