Claudia Klütsch mit hr-iNFO-Moderatorin Mariela Milkowa
Claudia Klütsch mit hr-iNFO-Moderatorin Mariela Milkowa Bild © hr

"I am a poor man. I need money" – mit diesen Worten begann vor 13 Jahren eine unglaubliche Geschichte. Der Hilferuf aus Bangladesch war in einem fabrikneuen Herrenhemd versteckt. Als Claudia Klütsch den Zettel fand, beschloss sie, dem Absender namens Gazi zu helfen.

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zum Artikel Claudia Klütsch - schloss Freundschaft mit einem ausgebeuteten Textilarbeiter in Bangladesch

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Es war die älteste Tochter, die ihrem Vater zum Geburtstag ein Doppelpack Oberhemden zum Preis von 7,99 € schenkte. Als ihre Mutter Claudia Klütsch den geheimnisvollen Zettel des Textilarbeiters Gazi darin fand, war ihr ziemlich schnell klar: "Da kannst du nicht 'nein' sagen, weil es so ein direkter Hilferuf war, der ist mir ja im Prinzip zugefallen."

Die vierfache Mutter aus Wesseling bei Köln schrieb einen Brief an die Adresse, die Gazi mitgeschickt hatte und steckte 23 Dollar in den Umschlag. Sie war gespannt und neugierig, was passieren würde und ob sie nicht doch vielleicht auf einen Betrüger hereingefallen war. Doch einige Wochen später lag die Antwort von Gazi in ihrem Briefkasten, und er hatte Fotos von sich und seiner Familie mitgeschickt. Diese Bilder führten ihr vor Augen, "dass es um Leute ging, die wirklich arm waren," erzählt Claudia Klütsch, "allein an den Bildern der Eltern hat man es gesehen, die waren sowas von hager, das hat mich an Bilder aus dem Ersten Weltkrieg erinnert."

"Sensationeller" Besuch

Bis zu diesem Tag hatte Familie Klütsch nicht viel von Bangladesch gewusst und sich auch keine Gedanken gemacht über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in dem Land, wo ein Großteil unserer Billig-Klamotten hergestellt wird. Das Thema rückte erst 2013 in den Fokus, als in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, die riesige Textilfabrik Rana Plaza einstürzte und mehr als 1.100 Menschen ums Leben kamen. Auch Gazi hatte, als er den Zettel schrieb, in so einer Fabrik gearbeitet, musste von morgens bis abends für einen Hungerlohn dort schuften und dem Fabrikbesitzer dann auch noch eine horrende Miete für ein Zimmer zum Übernachten zahlen.

Doch das erfuhren Claudia Klütsch und ihr Mann viel später bei ihrem ersten Besuch 2006 in Bangladesch, der für sie ein "Kulturschock" gewesen sei, gesteht die resolute blonde Frau. In Gazis Heimatdorf in der Provinz seien sie eine "Sensation" gewesen. Das Ehepaar wurde von einem Fernseh-Team von Stern TV und einem Dolmetscher begleitet. Doch die anfängliche Unsicherheit zwischen ihnen und Gazis Familie sei schnell verflogen, erzählt Claudia Klütsch. Als sie dann noch erfuhren, dass Gazis Frau schwanger war, stand für sie fest, dass sie die junge Familie finanziell unterstützen wollten - rund 10.000 Euro haben sie dabei bisher ausgegeben - ein ungewöhnlicher Akt von Eigeninitiative.

Bewussteres Konsumverhalten

Dass Gazis Familie heute ein festes Dach über dem Kopf hat, nicht hungern muss und den ältesten Sohn in die Schule schicken kann, hat sie den Klütschs zu verdanken. Gazi arbeitet schon lange nicht mehr in der Textilfabrik, sondern hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und verkauft unter anderem selbst angebautes Obst und Gemüse.

Wenn man Claudia Klütsch fragt, wie sich ihr Leben durch die unglaubliche Geschichte mit dem Zettel verändert hat, sagt sie, sie schaue heute bewusster auf ihr Konsumverhalten und auch auf die Etiketten von Kleidungsstücken. Billigklamotten aus Bangladesch kaufe sie aber trotzdem noch, schließlich wolle sie auch nicht mit erhobenem Zeigefinger auf andere zeigen, die ihre Kleidung aus Billigläden haben.

Freunde fürs Leben

Es fällt ihr schwer, anderen da Ratschläge zu geben, aber die gelernte Arzthelferin sagt: "Ich stehe auf dem Standpunkt: Wenn jetzt keiner mehr Klamotten aus Bangladesch kauft, dann steht das Land vor einem kompletten Aus". Die Näherinnen und Näher in den Fabriken seien auf ihre Jobs angewiesen. Ihrer Meinung nach müsste sich auf der politischen Ebene etwas ändern, "dass Unternehmen, die dort produzieren, gezwungen werden, zu vernünftigen Löhnen dort unten arbeiten zu lassen."

Aber der Zettel aus Bangladesch habe ihr auch Freunde fürs Leben geschenkt, erzählt Claudia Klütsch lächelnd, "weil Gazi uns wahnsinnig viel gezeigt hat und viele Einblicke in sein Land und in die Seele Bangladeschs gegeben hat – die hätte ich mir nirgends kaufen können!" Über ihre Eindrücke und Erlebnisse berichtet sie in einem Buch mit dem langen Titel "Von einem Zettel, der in einem Herrenhemd um die halbe Welt reiste und unser Leben für immer veränderte". Es sei einfach eine schöne Geschichte, "ein Märchen", das sie mit anderen teilen wollte.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 19.10.2018, 19:35 Uhr

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