Claus Fussek
Bild © Imago

Er kämpft seit 40 Jahren für die Rechte von Pflegern und Pflegebedürftigen. Täglich erreichen ihn erschreckende Berichte über Zustände in den Einrichtungen, 50.000 kamen im Lauf der Jahre zusammen. Im Interview spricht er darüber, weshalb er auch mit 65 Jahren noch nicht aufhören kann.

"Pflegepapst" wird er genannt oder "Deutschlands bekanntester Pflegekritiker", sein Büro in München wird als "Kummerkasten der deutschen Altenpflege" beschrieben: Claus Fussek. "Ich bin überzeugt: Wenn wir das Thema nicht ganz entschlossen - parteiübergreifend, alle Bürgerinnen und Bürger - in den Griff kriegen, werden wir in naher Zukunft sehr offensiv und sehr ehrlich über Formen der aktiven Sterbehilfe reden müssen", sagt er.

Audiobeitrag

Podcast

zum Artikel Das Interview mit Claus Fussek, Deutschlands bekanntester Pflege-Kritiker

Ende des Audiobeitrags

Leise spricht Claus Fussek solche Sätze aus, lässt zwischen den letzten Worten lange Pausen. So, als wisse er, dass seine Zuhörer eine Weile brauchen, um die Wucht dieser Aussage zu verkraften. "Es ist ja keiner mehr da, der pflegt", fügt er dann noch hinzu und ich übersetze für mich: Vielleicht ist es besser für unsere Alten, früher zu sterben als sich Monate, vielleicht Jahre in einem Pflegeheim ohne ausreichende Fürsorge ihrem Ende entgegenzuquälen.

Briefe, die unvorstellbares Leid dokumentieren

"Seit 30 Jahren liegen Leute in ihrer eigenen Scheiße und es kümmert immer noch keinen" - noch so ein krasser Satz. Ich frage mich erschrocken, ob das denn nun wirklich so schlimm ist oder ob Claus Fussek nicht tatsächlich übertreibt und die Pflege ganz pauschal schlecht macht. Das wird ihm vorgeworfen, von Heimleitern und Pflegekräften. Tatsächlich betont der 65 Jahre alte Sozialarbeiter immer wieder, dass es auch die andere Seite gibt, die gut geführten Heime, die Pflegerinnen und Pfleger, die jeden Tag gute Arbeit machen.

Zitat
„ Seit 30 Jahren liegen Leute in ihrer eigenen Scheiße und es kümmert immer noch keinen.“ Zitat von Claus Fussek
Zitat Ende

Aber bei ihm kommen täglich andere Geschichten an. Es sind handgeschriebene Briefe von Angehörigen und Pflegern - Anklagen, Fragen, auch Bilder, die unvorstellbares Leid dokumentieren: eitrige Wunden, verdreckte Windeln, durchgelegene Stellen, rohes Fleisch. Inzwischen sind es 50.000 Fälle – Fussek nennt sie  Schicksale –, die er auf seinem überfüllten Schreibtisch und in den wandhohen Regalen gesammelt hat.

 Opfer eines gescheiterten Systems

Weil das Telefon ständig klingelt, trägt Deutschlands bekanntester Pflege-Kritiker meisten ein Head-Set. Er erzählt von einem Gespräch mit einer Angehörigen, das er am selben Tag geführt habe: "Sie hat gesagt: 'Ich gehe jeden Tag zu meiner Mutter ins Pflegeheim. Heute bin ich mal ein wenig später gekommen und da lag sie wieder voll in ihren Ausscheidungen. Auf dem Nachttisch stand ein Becher mit kochend heißem Tee. Da frage ich mich: Wer stellt sowas da hin? Und Ihre Glocke war wieder außer Reichweite.'"  

Claus Fussek in seinem Büro in München
Claus Fussek in seinem Büro in München. Der Sozialpädagoge und Autor wurde am 1. Februar 65 Jahre alt. Bild © Imago

 

Eine andere Frau habe mal zu ihm gesagt: "Nach viereinhalb Jahren Pflegeheim bin ich inzwischen für aktive Sterbehilfe – das sagte mir eine Frau, die selber über 70 Jahre alt ist", so Fussek. Ich spüre, wie sehr ihn auch dieser Fall wieder mitnimmt, wie sehr er Anteil nimmt am Schicksal der Hilflosen, die aus seiner Sicht einem System ausgeliefert sind, das gescheitert ist.

 "Pflege kann man nicht den Gesetzen freier Marktwirtschaft überlassen"

Das Modell eines selbstverwalteten, zum Teil staatlich, zum Teil privat finanzierten Pflegemarktes funktioniert nicht, sagt Fussek - zumindest nicht zum Wohle aller Bedürftigen. Auch, weil es zulässt, dass sich börsennotierte, am Gewinn ausgerichtete Unternehmen in den Pflegemarkt einkaufen. Die Pflegeselbstverwaltung habe politisch versagt, meint Fussek.

"Eigentlich müsste die Politik parteiübergreifend handeln und der Pflegeselbstverwaltung die Pflege aus der Hand nehmen", sagt er. "Die Politik und die Gesellschaft müssen Verantwortung für die Schutzbedürftigen übernehmen. Das kann man nicht den Gesetzen der freien Marktwirtschaft überlassen, das kann nicht funktionieren. Pflege muss zur Schicksalsfrage der Nation werden."

Weitere Informationen

Zwischen Überfüllung und Überlastung: Arbeiten in der Pflege

In Hessen arbeiten rund 50.000 Menschen in stationären Pflegeheimen. Allerdings ist nur ein kleiner Teil davon wirklich als Pflegefachkraft ausgebildet. Ein Überblick über die Mängel in hessischen Heimen. [mehr]

Ende der weiteren Informationen

Jeder müsse sich überlegen, wie er alt werden möchte und sich engagieren, sagt Fussek. Es brauche Netzwerke vor Ort in den Gemeinden, in den Stadtteilen, um den Alten ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, so lange es geht. Pflegende Familien müssten entlastet werden, ein Rechtsanspruch auf Tagespflege wäre sinnvoll.

Claus Fussek kommt in Fahrt, er empört sich und wird lauter. Ganz klar: Der Kämpfer für eine gute Pflege wird noch nicht ruhig werden, noch nicht in den Ruhestand gehen, auch wenn er das jetzt könnte. Er will noch weiter kämpfen für die Hilfsbedürftigen, für "seine Schicksale".  

Weitere Informationen

Mehr zum Thema

Ende der weiteren Informationen
Jetzt im Programm