Cornelia Funke

Seit 15 Jahren lebt Cornelia Funke im kalifornischen Malibu. Kurz vor der US-Präsidentschaftswahl schildert die politisch engagierte Bestsellerautorin ihre Eindrücke aus einem tief gespaltenen Land und sagt, warum sie mit sich selbst hadert.

Cornelia Funke kann jetzt schon sagen, wie es ihr einen Tag vor der US-Präsidentschaftswahl gehen wird. Denn am 2. November kommt der vierte Band ihrer "Reckless"-Fantasy-Reihe mit dem Titel "Auf silberner Fährte" heraus. Und wie immer, wenn ein neues Buch von ihr erscheint, werde sie "aufgeregt im wunderbarsten Sinne" sein, erzählt Cornelia Funke. "Das ist so schön, weil man das Buch gebaut hat für zwei Jahre und es ist fast so, als wenn man die Tür aufmacht zu der Welt, die man selbst schon allein erforscht hat und dann ganz sehnsüchtig auf all die Schritte wartet von den Lesern, die dann hereingelaufen kommen."

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Cornelia Funke
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Die beiden Brüder Jacob und Will Reckless, die eine fantastische Welt hinter den Spiegeln entdeckt haben und Wanderer zwischen den Welten sind, reisen diesmal nach Japan. Märchen und Mythen aus dem fernen Osten standen dabei Pate. Was Cornelia Funke am 3. November machen wird, wenn in den USA gewählt wird, weiß sie allerdings noch nicht: "Da plane ich gar nichts", sagt sie, "das heißt, den Tag lassen wir alle auf uns zurollen."

Das "alte Monster von Rassismus und Faschismus"

Die internationale gefeierte Kinder- und Jugendbuchautorin lebt seit 2005 in den USA, hat aber noch keinen amerikanischen Pass und kann deshalb nicht wählen. Aber "Gottseidank wohne ich ja in Kalifornien, das eine so solide demokratische Mehrheit hat, dass meine Stimme hier jetzt nicht so einen großen Unterschied machen würde bei dem amerikanischen Wahlsystem." Aber sie engagiere sich auf verschiedene Art und Weise politisch, zum Beispiel unterstütze sie Organisationen, die Transporte für Wähler organisieren und sich dafür einsetzen, dass die Wahl korrekt ablaufe.

Das Land sei "tief, tief gespalten", sagt Cornelia Funke. Das "alte Monster von Rassismus und Faschismus" rege sich grade an ganz vielen Orten in der Welt und zeige sich in den USA sehr unmittelbar so kurz vor den Wahlen, weil Amerika einen Präsidenten habe, "der das noch schürt." Viele Amerikaner und in den USA lebende Europäer seien nun "ein bisschen desillusioniert und denken: 'Oh mein Gott, wir haben wirklich gedacht, all der Enthusiasmus, den es in diesem Land gibt, all die Leidenschaft, auch all die intellektuell großen Geister, die es hier gibt, würden immer dafür sorgen, dass sowas nicht passiert."

Corona-Krise war ein "Aufwachen"

Im Moment seien die Menschen bestürzt, "dass das soziale Netz während der Covid-Krise so versagt oder sich zeigt, wie schlecht es ist. Und wir alle sind erschrocken, wie stark der Rassismus ist und müssen uns jetzt von unseren schwarzen Mitbewohnern erzählen lassen: 'Ja Leute, das war schon immer so schlimm, ihr habt es nur nicht gesehen.'" Sie hadere nicht mit ihrer Wahlheimat, sondern mit sich selbst, räumt die in Malibu lebende Bestsellerautorin Cornelia Funke ein: "dass man es in mancher Hinsicht nicht gesehen hat, wie tief die Kluft in diesem Land war." Die Corona-Krise sei ein "Aufwachen" gewesen. Doch es sei auch typisch für Amerika, dass es immer wieder Kräfte gibt, "die das auch als Chance begreifen, etwas zu ändern und besser zu machen", findet Cornelia Funke, "und wir können jetzt nur hoffen, dass die Kräfte stark genug sind."

Sie sei sich immer bewusst gewesen, dass ihre Wahlheimat Kalifornien, die einen Gegenkurs zur Trump-Regierung fährt, in vieler Hinsicht ein "Out-of-Control-State" sei, aber deswegen lebe sie auch dort. "Ich liebe diese Aufbruchsstimmung, ich liebe das Gefühl, dass man die Welt ein bisschen besser erfinden kann", sagt Cornelia Funke, "aber wir alle sehen grade, an welche Grenzen wir da stoßen."

"Biden ist kein Showman"

Auf die Frage, was sich ändern würde, wenn der demokratische Kandidat Joe Biden zum neuen US-Präsidenten gewählt werden würde, antwortet sie: "Was daran sehr positiv wäre ist, dass Joe Biden überhaupt kein Showman ist, was die Amerikaner viel zu oft als Präsidenten gehabt haben. Trump ist da ja auch nur eine ziemlich finstere Version von. Biden hat eine unglaubliche Integrität, sehr große politische Erfahrung. Und was er hat, ist Mitgefühl und die Bereitschaft, sich in Menschen hereinzufühlen, die weniger Glück oder weniger gute Bedingungen in ihrem Leben gehabt haben als er. Das heißt, wir alle sagen hier im Moment: Das könnte eine durchaus bedeutsame Präsidentschaft werden, wenn er denn gewinnt." Es gehe nun nicht nur um politische Reformen, meint Funke, "es wird vor allem darum gehen, dass in diesem Land die eine Seite wieder mit der anderen reden kann."

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Buchtipp

Reckless (Band 4): "Auf silberner Fährte"
Von Cornelia Funke
Dressler Verlag
(erscheint am 2.11.2020)

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Cornelia Funke ist die international erfolgreichste und bekannteste deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin, Millionen Leser und Leserinnen auf der ganzen Welt lieben ihre Bücher: "Die wilden Hühner", "Drachenreiter", "Herr der Diebe", die "Tintenwelt-Trilogie" und die "Reckless"-Serie zählen zu ihren großen Erfolgen. Erst kürzlich wurde Cornelia Funke mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet.

Mit allen Freunden in einem Dorf

Neben dem Schreiben engagiert sie sich für zahlreiche Organisationen und Projekte. Besonders Themen rund um Kinder- und Frauenrechte sowie Umwelt- und Artenschutz liegen ihr am Herzen. Sie lebt auf einer alten Avocado-Farm in Malibu, umgeben von unberührter Natur und vielen Tieren. Auf dem 2,5, Hektar großen, verwilderten Grundstück, das sie ebenso wie ihre Charity-Stiftung nach dem Sehnsuchtsort aus ihrer Drachenreiter-Welt "Saum des Himmels" benannt hat, hat sie auch eine Begegnungs- und Arbeitsstätte für Autoren, Musiker und Künstler aus aller Welt erschaffen und sich damit einen Lebenstraum erfüllt.

Sie habe schon immer davon geträumt, "mit all meinen Freunden in einem Dorf zu wohnen", erzählt die Schriftstellerin: "Das ist ein Lebenstraum, von dem ich gar nicht wusste, wie wichtig mir der ist, und eigentlich möchte ich das jetzt so halten bis ich tot umfalle." 2018 wäre dieser Lebenstraum beinahe zerplatzt, denn die alljährlichen Waldbrände in Kalifornien wüteten als Folge des Klimawandels so heftig, dass ihr Anwesen fast abgebrannt wäre. Dazu "brennt" es auch politisch in ihrer Wahlheimat. Für die Bestsellerautorin ist das allerdings kein Grund, das Land zu verlassen. "Ich denke im Moment nicht übers Weggehen nach", sagt Cornelia Funke.

"Was ich aus Europa höre, ist auch sehr bestürzend"

Sie plane aber, im kommenden Jahr einen Bauernhof in Deutschland zu kaufen, den ihre Schwester leiten werde. Dort will Funke ein europäisches Austauschprogramm für Künstler anbieten und selbst für Workshops nach Deutschland kommen. Sie könne sich im Moment aber nicht vorstellen, ihr Leben in Malibu aufzugeben – auch wenn Donald Trump die Wahl wieder gewinnen sollte: "Noch ist es bei mir nicht so, dass ich denke: 'Oh, wenn ich jetzt nach Europa zurückkehren würde, dann würde ich in einer heilen Welt landen.' Denn was ich aus Europa höre, ist auch sehr bestürzend.

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 30.10.2020, 19:35 Uhr

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