Daniel Cohn-Bendit

In einem Alter, in dem andere Politiker staatstragende Memoiren schreiben, erzählt Daniel Cohn-Bendit sein Leben als eine Geschichte der Leidenschaft: für den Fußball. Ein Gespräch über pseudointellektuelle Kritik, die Faszination für Eintracht Frankfurt und europäische Politik.

Über 1968 will Daniel Cohn-Bendit nicht mehr reden: "Ich habe die Nase voll gehabt, ich habe nichts Neues mehr dazu zu sagen", erklärt er. Er wolle die Zeit der Studentenbewegung nicht missen, aber das politische Denken könne nicht an diesen Punkt zurückkehren.

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Im April wird Cohn-Bendit 75. Und in dem Alter, in dem andere Politiker staatstragende Memoiren schreiben, erzählt er sein Leben jetzt als eine Geschichte der Leidenschaft - für den Fußball. "Unter den Stollen der Strand" heißt sein Buch über sein Leben zwischen Politik und Fußball.

"Eine pseudointellektuelle Sicht des Fußballs"

Aber ist dieser Sport nicht verbunden mit Nationalismus, Korruption und politischer Propaganda – also mit all den Dingen, gegen die er immer gekämpft hat? Daniel Cohn-Bendit regt sich auf über diese Frage: "Das ist eine pseudointellektuelle Sicht des Fußballs!" Natürlich sei es "widerlich", wenn die Auslosung für die WM in Putins Russland im Kreml stattfinde oder für den Stadionbau in Katar Arbeiter ausgebeutet würden. Aber: "Fußball kann eine große Kunst sein", betont Cohn-Bendit. "Und wenn der Ball rollt, dann beherrscht er alles, dann bin ich einfach im Bann des Balls und des Spiels."

Cohn-Bendit wurde 1945 in Frankreich geboren, als Kind deutsch-jüdischer Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland. Diese Erfahrung seiner Eltern habe bei ihm einen "Rest von Verletzung" hinterlassen, weshalb er bei internationalen Turnieren nie zur deutschen Mannschaft halte – auch wenn er sein Leben lang für die Überwindung der deutsch-französischen Feindschaft gekämpft habe.

Auf dem Sofa für die Eintracht

Überhaupt keine Rolle spiele die Herkunft von Spielern und Fans hingegen bei den Vereinsmannschaften wie Eintracht Frankfurt, die Cohn-Bendit früher im Stadion anfeuerte und heute auf dem Sofa. "Alle, die einen Schal haben oder ein Trikot von der Eintracht, gehören zum Stamm Eintracht. Diese Stammesidentität, die nicht guckt, woher kommt einer, welche Nationalität hat er, die finde ich unheimlich spannend."

Zitat
„Alle, die einen Schal haben oder ein Trikot von der Eintracht, gehören zum Stamm Eintracht.“
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Daniel Cohn-Bendit war in Frankfurt ehrenamtlicher Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten und zwei Jahrzehnte Europaabgeordneter der Grünen. Viele politische Karrierechancen hat er aber auch ausgeschlagen – etwa das Angebot von Emmanuel Macron, französischer Umweltminister zu werden: "Ich bin nicht jemand, der Minister sein kann, weil ich meine Freiheit brauche, Positionen zu artikulieren, mir zu widersprechen. Ich will nicht in einen Käfig eingesperrt werden."

Dennoch diskutiert Cohn-Bendit zum Beispiel mit Macron, knüpft Verbindungen zur deutschen Politik – in der Hoffnung, dass Frankreich und Deutschland eines Tages wieder gemeinsam europapolitische Initiativen starten. Zunächst aber freut er sich auf die Europameisterschaft 2020. Wer am 12. Juli im Wembley-Stadion im Endspiel steht, sei schwer zu sagen: "Das ist eine sehr offene Europameisterschaft. Wenn ich mich festlegen soll, sage ich: Frankreich und Italien."

hr-iNFO Das Interview, 19.2.2020, 19:35 Uhr

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