Daniel Nicolai

Die Auswirkungen des Brexit sind auch im English Theatre in Frankfurt zu spüren. Überschattet vom EU-Austritt feiert die englischsprachige Bühne derzeit ihr 40-jähriges Jubiläum. Das Motto "Flirting with Madness" ist auch im Alltag des Theaters Programm.

"Ich will Drama auf der Bühne und nicht neben der Bühne", sagt Nicolai. Aber das Drama um den Brexit hat sein Haus seit dreieinhalb Jahren ganz schön in Atem gehalten. Und ausgerechnet jetzt, wo die englischsprachige Bühne ihr 40. Jubiläum feiert, kommt er nun, der Brexit. Da ist es auch kein Wunder, dass das Motto dieser Spielzeit "Flirting with Madness" heißt, also Flirt mit dem Wahnsinn.

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"Das ging up and down. Wir haben uns zwischendurch auch in Produktionen gefürchtet", erzählt Nicolai. Denn immer wenn ein Ensemble am Ende einer Produktion zurück nach London gereist sei, habe man sich gefragt, ob die nächsten Schauspielerinnen und Schauspieler künftig überhaupt noch am English Theatre arbeiten können. "Der Nervfaktor ist groß", sagt der Intendant, und eigentlich wolle niemand mehr im Team über das Thema sprechen. "Es gab ja auch Veranstaltungen zum Beispiel vom Konsulat, da wurde schon in der Begrüßung gesagt: 'Was wir nicht machen, ist über den Brexit reden.'"

Von der Hinterhofbühne hoch hinaus

Das English Theatre in Frankfurt begann ursprünglich als kleine private Hinterhofbühne in Sachsenhausen. Heute ist es die größte englischsprachige Bühne auf dem europäischen Festland, das von der internationalen Community in der Stadt, aber auch von vielen jungen Besuchern geschätzt wird. Das Besondere ist: die Musicals und Theaterstücke in englischer Sprache werden "in einem Spagat über den Ärmelkanal" produziert, so Nicolai. Für jede Produktion wird ein britisches oder amerikanisches Team mit einem Ensemble aus Native Speakern zusammengestellt.

Die Castings und Proben finden in London statt, die Endproben dann in Frankfurt, wo britisches Kreativteam und Schauspielerinnen und Schauspieler mit dem Frankfurter Team zusammenwachsen. Durch internationale Co-Produktionen mit dem English Theatre Vienna oder dem Ensemble Theatre Santa Barbara und Gastspielen am Jermyn Street Theatre London und dem Deutschen Theater München strahlt das English Theatre zu seinem 40. Jubiläum weit über Frankfurt hinaus.

Brexit: "Als ob man von einer Klippe stürzt"

Auch Schauspieler Stephen John Davis ist zur Zeit in einer Produktion des English Theatre zu sehen: Der international gefragte Musical-Darsteller aus London spielt die Hauptrolle im Musical "Sweeney Todd", einen Barbier, der aus Rache zum Serienkiller wird. Wenn man den Schauspieler auf den Brexit anspricht, winkt er ab: "Ich werde nicht feiern. Zu Hause werden das zwar einige tun, aber ich glaube, die Mehrheit der Briten würde heute dafür stimmen, in der EU bleiben zu können."

Zu spät: Zum 1. Februar verlässt Großbritannien nach 47 Jahren die Europäische Union. Und wie viele andere seiner britischen Kolleginnen und Kollegen, die bislang von der EU-Freizügigkeit profitiert haben, befürchtet Stephen John Davis, dass sich seine Arbeitsmöglichkeiten innerhalb der EU künftig verschlechtern und vieles würde bürokratischer wird: "Ich nehme an, ich müsste ein Arbeitsvisum beantragen, wobei es nicht garantiert ist, dass das auch klappt. Es ist die Angst vor dem Unbekannten. Wir wissen überhaupt nicht, was passieren wird. Es ist, als ob man von einer Klippe stürzt."

Sorgen vor "riesigen Kosten"

Auch Daniel Nicolai, der das English Theatre seit 2002 leitet, kennt dieses Gefühl. Über das Thema Arbeitsvisa für die britischen Schauspielerinnen und Schauspieler macht er sich keine großen Gedanken, das könne man regeln. Ihn treibt vor allem die Sorge um, "dass wir riesige Kosten kriegen, weil ich denke, das Doppelbesteuerungs-Abkommen wird wegfallen. Und wenn es da keine andere Lösung gibt, dann werden wahrscheinlich alle Schauspieler ausländersteuerpflichtig. Das sind schon mal pauschal 25 Prozent, das wäre keine schöne Entwicklung." Denn man könne ja deswegen nicht einfach die Tickets teurer machen. Auch die Frage, wie es nach dem Brexit mit der Krankenversicherung für seine britischen Darstellerinnen und Darsteller aussieht, ist ungeklärt.

Bislang sind sie über die European Health Card versichert, was auch gut funktioniert, sagt Daniel Nicolai. Bis Ende des Jahres will Großbritannien nun über die Details des Austritts mit der EU verhandeln. Daniel Nicolai hofft, dass nun in der Übergangsphase ein bisschen Ruhe einkehrt. "Bei uns hat es natürlich die Abläufe ein bisschen gestört, aber das hat auch den Scheinwerfer in Hessen ganz stark auf das English Theatre gerichtet. Also was PR angeht, können wir uns nicht beschweren. Trotzdem hätten wir lieber keinen Brexit", sagt der Theaterleiter. Er kann dem Thema sogar noch mehr Positives abgewinnen: "Wir erleben ja viele schöne Sachen mit den Briten, die Klasse sind: Es kommen super Stücke aus England, die Engländer haben sehr viel Humor, und den Brexit blenden wir im Moment aus."

Jubiläumsgrüße von der Queen

Der gebürtige Hesse, der aus Eschborn stammt, hat ein ganz besonderes Verhältnis zu Großbritannien. Nicht nur, dass er regelmäßig zwischen Frankfurt und London pendelt, Daniel Nicolai hat auch schon mit Queen Elizabeth II. an einem Tisch gespeist und persönlich mit ihr reden können, als sie 2015 in Frankfurt zu Besuch war. Seitdem habe sein Haus Kontakt mit ihrem Privatsekretär gehabt, erzählt der Theaterleiter. Die Queen habe dem English Theatre in Frankfurt auch Grüße zur Jubiläumsspielzeit geschickt.

Wenn man sich mit Daniel Nicolai über die Queen unterhält, spürt man, dass er ein Fan ist. Die jüngste Krise in der Royal Family, den sogenannten "Megxit" zum Beispiel, habe die Queen "super gemanaged", findet er. Dass Prinz Harry und seine Frau Meghan sich aus der ersten Reihe des britischen Royals zurück gezogen haben, könne die Monarchie nicht beschädigen.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 31.1.2020, 19.35 Uhr

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