Danyal Bayaz

Der Fall Wirecard ist kein abstraktes Finanzthema, sondern ein sehr konkretes, das viele Menschen betrifft, sagt Bayaz. Mit detektivischem Eifer bemüht sich der Grünen-Politiker um Aufklärung des Skandals. Ein Gespräch über Finanzmärkte, Olaf Scholz und offenen und subtilen Rassismus.

Wirecard – immerhin der größte Wirtschaftsskandal in der Geschichte der Bundesrepublik – ist für Danyal Bayaz kein abstraktes Finanzthema, das bestenfalls Experten interessiert. Sondern, im Gegenteil, ein "sehr konkretes" Thema, das viele Menschen direkt betrifft - Kleinanleger zum Beispiel, die in gutem Glauben Aktien des mittlerweile insolventen Finanzdienstleisters gekauft hatten, die inzwischen so gut wie wertlos sind.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Das Interview mit Danyal Bayaz

Danyal Bayaz
Ende des Audiobeitrags

Auch deshalb hätte sich seine Fraktion dazu "durchgerungen", einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss anzugehen, um den Fall lückenlos aufzuklären. Eine Frage steht dabei für Bayaz im Vordergrund: "Wie sieht eigentlich ein Finanzmarkt aus, der den Menschen dient, der gut funktioniert, wo wir uns an Regeln halten und wo nicht so viel kriminelle Energie auch die Gutgläubigkeit von Menschen ausnutzt?"

Detektivischer Eifer

Trotz zahlreicher Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei Wirecard, die es schon seit Jahren immer wieder mal gab, sei auch ihm die "Dimension dieser kriminellen Energie" erst in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich geworden. Er sei mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo er sage, "beim Fall Wirecard wundert mich gar nichts mehr".

Zitat
„Beim Fall Wirecard wundert mich gar nichts mehr.“ Zitat von Danyal Bayaz
Zitat Ende

Drei Gesichter treten prominent in Erscheinung, wann immer Wirecard in Berlin Thema ist: Danyal Bayaz von den Grünen, der finanzpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Florian Toncar, und Fabio de Masi, Finanzexperte der Linken. Sie sind jung, bissig und mit teils detektivischem Eifer an der Aufklärung des Wirecard-Skandals interessiert. Einige Abgeordnete bezeichnen das Trio deshalb spöttisch als "Boygroup". Bayaz nimmt das sportlich, das sei eben der "politische Teil" dieser "Show".

Ernste Fragen an Olaf Scholz

Den Vorwurf, die "drei aus der Opposition" hätten es nur auf Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) abgesehen, weist er zurück. Vielmehr sei es ein starkes Signal, dass Politiker aus der "demokratischen Opposition" fraktionsübergreifend eng zusammenarbeiteten, um den Skandal aufzuklären. Dass die parlamentarische Demokratie "nach vorne" und "mit Olaf Scholz zufällig der Kanzlerkandidat der SPD im Kreuzfeuer" stehe, das sei "nicht sein Problem".

Bayaz schätz Scholz menschlich und persönlich, aber Aufgabe der Opposition sei es, die Regierung zu kontrollieren und wenn in der Regierung Fehler gemacht würden, gebe es auch für einen "angenehmen Menschen" wie Olaf Scholz sehr ernste Fragen. Scholz sei der zuständige Finanzminister gewesen, habe sich frühzeitig über den Fall informieren lassen, jedoch ohne politisch aktiv zu werden, sagt Bayaz: "Er hat die Macht, er hat die Kompetenz, da auch mal mehr Steine umzudrehen, wenn eine Geschichte zum Himmel stinkt". Nachzuhaken, warum das nicht passiert sei, das gehöre zur Aufklärung dazu.

Nicht trotz, sondern wegen Wirtschaftsthemen bei den Grünen

Bayaz bezeichnet sich selbst als "wirtschaftsliberal" und ist ein Quereinsteiger in die Politik. Vor seiner Wahl in den Deutschen Bundestag war er Unternehmensberater bei der "Boston Consulting Group". Damit scheint er auf den ersten Blick nicht so recht zu den Grünen zu passen, aber, so Bayaz, dieser Eindruck sei falsch: Nicht trotz, sondern wegen Wirtschaftsthemen sei er bei den Grünen gelandet. Außerdem seien viele Unternehmen deutlich offener dafür, "Nachhaltigkeit und Wirtschaft zusammenzubringen" als manch ein politischer Wettbewerber.

Bayaz besitzt die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft, seine Mutter ist Deutsche, sein Vater stammt aus der Türkei. Geboren und aufgewachsen ist er in Heidelberg. In seiner Jugend habe er keinen Rassismus erfahren, sagt er, vielleicht habe er aber "einfach nur Glück gehabt". Seitdem er im Deutschen Bundestag sei, schlage ihm jedoch vor allem in den sozialen Medien eine "andere Diskussionswelle" entgegen – teils offener Rassismus, den er und sein Team regelmäßig zur Anzeige bringen, teils aber auch subtiler.

AfD als "Freifahrtschein"

Bayaz engagiert sich wie auch CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer oder der FDP-Vorsitzende Christian Lindner für die Bildungsinitiative "German Dream", die sich für die Werte des Grundgesetzes stark macht. "Da geht es um Aufstieg in der offenen Gesellschaft", erzählt Bayaz, und manche Leute schrieben ihm sinngemäß, was denn daran "noch German" sei. Das sei zwar erstmal nicht strafbar, aber dennoch ein "subtiler Rassismus". Immer mehr Menschen trauten sich auch, so etwas offen anzusprechen, auch weil die AfD für sie so etwas sei wie ein "Freifahrtsschein". Diese Erfahrung habe er in den vergangenen Jahren neu gemacht und das gehe ihm manchmal auch "sehr nah".

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 16.9.2020, 19:35 Uhr

Jetzt im Programm