David Garrett

Man dürfe nicht die Augen verschließen vor den aktuellen Bildern aus der Ukraine, sagt David Garrett. Dieser Krieg gehe uns alle etwas an. Der Stargeiger ist überzeugt: Als Künstler habe man die Verantwortung, sich zu äußern. Im Interview spricht er über die Kraft der Musik in diesen Zeiten und die Auswirkungen des Krieges auf die internationale Kulturszene. 

David Garrett wirkt bedrückt und aufgewühlt angesichts der aktuellen Berichte aus der Ukraine, die er täglich in den Nachrichten verfolgt. „Was da grade passiert, ist herzzerreißend und das muss sofort ein Ende haben“, sagt der 41-jährige Crossover-Musiker. In seiner Familie werde viel über den Krieg gesprochen und die Politik sei grundsätzlich ein Thema.

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"Das Interview" mit David Garrett zum Nachhören

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Besonders nahe gehe ihm das Geschehen in der Ukraine, weil er zum Teil ukrainische Wurzeln habe. Seine Oma väterlicherseits stammt aus Kiew und sei in den 1940er Jahren nach Deutschland geflüchtet, erzählt Garrett: "Und ihr Vater wiederum wurde in ein Konzentrationslager in Sibirien verschleppt. Das sind Geschichten, die ich als Kind noch von meiner Oma mitbekommen habe, das kommt jetzt alles so ein bisschen wieder hoch und gibt mir auch eine Perspektive, die sehr persönlich ist." Er habe den größten Respekt vor den Menschen in der Ukraine, "die die da jetzt die Füße stillhalten, ihr Land verteidigen. Das kann ich mir nicht vorstellen, was das an Rückgrat bedeutet."

"Als Künstler hat man die Verantwortung, sich zu äußern"

Als am vergangenen Wochenende mehr als 15.000 Menschen am Brandenburger Tor in Berlin zu einem „Sound of Peace“-Konzert zusammenkamen, stand auch David Garrett neben anderen Künstlern wie Marius Müller-Westernhagen, Michael Patrick Kelly, Revolverheld und Sarah Connor auf der Bühne und spielte für den Frieden. In den letzten Wochen gab es weltweit viele solcher Friedens- und Benefizkonzerte für die Ukraine. Auf die Frage, was Musik bewirken könne, sagt der Geiger: „Ich glaube, dass man als Künstler die Verantwortung hat, sich zu äußern. Musik verbindet, Musik heilt, Musik ist etwas, das Menschen zusammenbringen muss und soll. Dementsprechend haben wir das Privileg, unseren kleinen Beitrag dazu zu geben.“ 

Was ihm allerdings Sorge bereite, sei ein „Schwarz-Weiß-Denken“ in diesem Konflikt: „Ich finde es furchtbar, dass wir grade in so eine Situation rücken: Der Westen ist gut, der Osten ist schlecht. Sowas hatten wir schon mal.“ Man dürfe nicht alles, was russisch ist, über einen Kamm scheren, findet David Garrett, er sei oft in der Ukraine und in Russland aufgetreten und habe dabei auf beiden Seiten viele tolle Menschen kennengelernt. „Natürlich ist es ein furchtbarer Krieg, der von dem Regime in Russland angefangen worden ist und da kann man nichts schönreden, ich bin der letzte, der das tut“, sagt er. Es sei aber "trotzdem Putins Krieg und nicht Russlands Krieg.“

"Wir dürfen nicht schwarz-weiß denken"

Der Musiker wünscht sich eine differenziertere Haltung, auch wenn es um den Umgang mit russischen Künstlerinnen und Künstlern in der internationalen Kulturszene geht. Viele prominente Kulturschaffende russischer Herkunft wenden sich gegen Putins Krieg, andere dagegen riskieren, nicht mehr engagiert zu werden, weil sie sich nicht deutlich von Putin distanzieren.

Darf man Künstlerinnen und Musiker unter Druck setzen, sich politisch zu positionieren? David Garrett wird im Interview sehr nachdenklich bei diesem Thema und es ist ihm bewusst, dass er mit seiner Meinung anecken könnte, die er in eine Frage verpackt: „Russische Musiker und russische Künstler, die hier in Europa oder weltweit große Erfolge feiern, die haben doch alle auch Familie in Russland. Und ich frage mich selber: Wenn ich jetzt die Hälfte meiner Familie in Russland haben würde, würde ich mich trauen, so radikal mich gegen jemanden zu wenden, der nicht mal erlaubt, das Wort Krieg in den Mund zu nehmen?“ Er könne diese Frage für sich nicht eindeutig mit „Ja“ beantworten, gesteht der Musiker. „Würde ich diplomatisch handeln in so einer Situation? Ja, aber würde ich mich mit breiter Brust hinstellen und sagen: Das ist ein Despot, ein Diktator, ein Tyrann? Ich weiß es nicht.“  

Auch Berichte, dass Menschen russischer Herkunft, die seit vielen Jahren in Deutschland leben, wegen des Angriffskriegs in der Ukraine gemobbt würden, erschrecken ihn. “Diese Differenzierung, das Menschliche darf uns nicht abhanden gehen. Wir dürfen nicht schwarz-weiß denken,“ sagt David Garrett.  

Neue Tournee im Herbst

Der 41-jährige hat grade seine Autobiografie „Wenn ihr wüsstet“ vorgelegt und bereitet sich nach der langen Corona-Pause auf seine neue Tournee im Herbst vor. Ob er auch, wie geplant, in der Ukraine spielen kann, ist wegen der aktuellen Lage ungewiss.    

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Buchtipp

Wenn Ihr wüsstet: Die Autobiografie
Von David Garrett
Heyne Verlag

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Seine Vorfreude darauf, endlich wieder vor Publikum aufzutreten, habe zwar wegen des Kriegs einen riesigen „Dämpfer“ bekommen, aber: "Wir können uns auch nicht nur den Nachrichten hingeben“, meint er. Das Leben müsse „irgendwie in dieser schwierigen Situation weitergehen.“ Er sei sich da seiner Rolle als Musiker bewusst. „Die Musik ist ja dazu da, auch so einen kleinen Urlaub zu schaffen für die Menschen, denen es wirklich schlecht geht und die davon belastet sind. Für die Leute zu spielen, das ist doch das Größte.“   

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