Arktisforscher Markus Rex in einem Schneeanzug

Ein Jahr lang wird das deutsche Forschungsschiff 'Polarstern' eingefroren durch das Nordpolarmeer driften, um den Einfluss der Arktis auf das globale Klima besser zu verstehen. Denn die Arktis ist das Epizentrum des Klimawandels, sagt Expeditionsleiter Markus Rex.

Mit Koffer packen für Reisen ins Eis kennt sich Markus Rex aus. Seit Anfang der 1990er Jahre ist der Atmosphärenphysiker vom Alfred-Wegener-Institut immer wieder in die Arktis und Antarktis gereist. Wollsocken, Sonnenbrille und Smartphone müssen auf jeden Fall mit, erzählt Rex, obwohl die 'Polarstern' nur über ein Bordnetzwerk verfügt und es nur eine "rudimentäre Verbindung zurück nach Hause" gibt. Und natürlich hat er Fridtjof Nansens Buch 'In Nacht und Eis' im Gepäck.

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Arktisforscher Markus Rex und hr-iNFO-Redakteurin Mariela Milkowa
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"Das grundsätzliche Konzept für unsere Expedition stammt von Fridtjof Nansen", sagt Markus Rex, "er hat das erfunden und wir folgen jetzt in seinen Fußstapfen". Der norwegische Polarforscher hatte sich 1893 mit seinem Schiff von der sibirischen Seite der Arktis in das Eis einfrieren lassen und sich innerhalb von drei Jahren mit der Eisdrift quer über den Nordpolarbereich bis nach Grönland und Spitzbergen treiben lassen. Die sogenannte 'MOSAiC-Expedition' mache das zum ersten Mal mit einem modernen Forschungs-Eisbrecher nach. MOSAiC steht für Multidisciplinary driftig Observatory for the Study ot Arctic Climate.

Ein Forschungscamp auf einer Eisscholle

Am 20. September 2019 wird die 'Polarstern' vom norwegischen Tromsø aus in die Arktis aufbrechen. Auf der 'MOSAiC-Expedition' werden insgesamt 600 Wissenschaftler aus 19 Nationen die Arktis ganzjährig erkunden und in einer Region überwintern, die in der Polarnacht nahezu unerreichbar ist. Es herrschen harsche Bedingungen: ein halbes Jahr lang durchgehende Dunkelheit, Stürme und Temperaturen von -40 bis -45 Grad Celsius.

Die 'Polarstern' wird an einer Eisscholle andocken, auf der rund um das Schiff ein modernes Forschungscamp entstehen soll. Es wird verbunden sein mit einem kilometerweiten Netz aus Messstationen, um Ozean, Eis und Atmosphäre sowie das arktische Leben im Winter zu erforschen. Eine internationale Flotte aus Eisbrechern, Helikoptern und Flugzeugen versorgt das Team auf dieser extremen Mission.

Früher Ski, heute Boot

Doch was erhoffen sich die Forscher davon? "Die Arktis ist das Epizentrum des Klimawandels", sagt Expeditionsleiter Markus Rex, "kein anderer Bereich dieser Erde erwärmt sich so schnell und so dramatisch wie die Arktis". Dort sei die Erwärmung um zwei Grad im Jahresmittel schon bei weitem überschritten, im Winter sei diese Erwärmung sogar noch viel ausgeprägter.

Das Expeditionsschiff Polarstern bei Nacht

Der Atmosphärenphysiker beobachtet die dramatischen Veränderungen schon seit Jahren. "Als ich in den 90er Jahren in die Arktis gekommen bin, habe ich da nur Schnee und Eis gesehen", sagt er. "Die Forschungsstation liegt am Ufer eines Fjordes und der war immer zugefroren. Wenn ich heute dahin komme, plätschert mir das flüssige Wasser vor den Füßen. Und wir fahren da jetzt mit Booten rum, wo wir früher unsere Ski-Touren gemacht haben. Es ist jedes Mal wieder ein Schock."

Die Arktis als Wetterküche für das Klima

Denn "was in der Arktis an Klimawandel passiert, bleibt nicht in der Arktis", sagt Markus Rex. "Die Arktis ist die große Wetterküche für das Klima hier in Mitteleuropa, in Nordamerika und Asien." Der Temperaturkontrast zwischen der kalten Arktis und den wärmeren mittleren Breiten treibe das Hauptwindsystem der Nordhemisphäre an, den 'Westwindjet', der um die Arktis herum wehe und die kalten von den wärmeren Luftmassen isoliere.

Wenn sich die Arktis nun schneller erwärme als der Rest der Welt, nehme der Temperaturkontrast ab und der Motor für das Westwindsystem komme ins Stottern, was zu Hitzewellen oder Kaltluftausbrüchen führen könne. "Um eine robuste Klimaprognose auch für unsere Breiten machen zu können, müssen wir die Prozesse der Arktis verstehen", fasst Rex zusammen. Im Moment habe man zu wenig belastbare Daten für Klimaprognosen und müsse oft raten. Einige Klimamodelle gingen davon aus, dass sich die Arktis bis zum Ende des Jahrhunderts um fünf Grad erwärme werden, andere gehen von einer Erwärmung um 15 Grad Celsius aus.

"Es muss ein Gesamtkonzept her"

Daher wollen die Wissenschaftler der 'MOSAiC-Expedition' nun solide wissenschaftliche Grundlagen schaffen für gesellschaftliche und politische Entscheidungen, die jetzt anstünden. Markus Rex ist es wichtig, mit der Mission auch Bevölkerungsschichten zu erreichen, die das Problem des Klimawandels ansonsten gar nicht so wahrnehmen würden. "Von daher fühlen wir uns auch als Botschafter aus der Arktis", sagt er. Er sieht die Politik in der Pflicht, effiziente Rezepte zu entwickeln, mit denen man die Treibhausgas-Emissionen reduzieren könne, und die mehrheitsfähig seien. Dabei müsse man die Aufmerksamkeit vor allem auf die Bereiche lenken, wo im großen Stil CO2 emittiert werde. Es helfe nicht viel, nur an die Leute zu appellieren, weniger Auto zu fahren und oder weniger zu fliegen. Das seien "Placebos", findet Rex.

Ein Mann macht Messungen in einem Schmelztümpel auf arktischem Meereis, im Hintergrund sieht man das Schiff Polarstern

Von der Politik wünscht er sich ein "Gesamtkonzept und sektorübergreifend einheitliche Regelungen für eine Bepreisung von CO2-Emissionen und gleichzeitig eine Rückerstattung der daraus aufkommenden Mittel an die Bevölkerung". Es müsse jetzt schnell gehen, mahnt der Wissenschaftler an, im nächsten Jahr müssten Konzepte auf dem Tisch liegen. Vielleicht ist es ja ein gutes Zeichen, dass das Klimakabinett der Bundesregierung am 20. September 2019 konkrete Maßnahmen für den Klimaschutz beschließen möchte. Denn das ist auch der Tag, an dem die 'Polarstern' ins arktische Eis aufbrechen wird, um die dramatischen Folgen des Klimawandels zu dokumentieren.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 12.9.2019, 19.35 Uhr

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