Dirk Gratzel

Der Unternehmer Dirk Gratzel war ein "Ökorüpel". Doch nach der Erkenntnis kam die 180-Grad-Wende: Jetzt arbeitet er aktiv daran, seinen ökologischen Fußabdruck auszugleichen.

Dirk Gratzel verdiente viel Geld und gab es auch aus. Als Topmanager und Unternehmensgründer gönnte er sich einen SUV und einen opulenten Lebensstil, der doppelt so viel CO2 verursachte wie der eines Durchschnittsbürgers in Deutschland. Kurz vor seinem 50. Geburtstag dämmerte dem promovierten Juristen: "Ich bin ein Ökorüpel!"

Er beschloss das nachhaltig zu ändern. Nicht zuletzt seinen Kindern zuliebe arbeitet er seit gut vier Jahren daran, bis zum Ende seines Lebens eine ausgeglichene Ökobilanz zu erreichen. Eine Entscheidung, die langsam in ihm reifte:

"Sie kennen das vielleicht: Sie stehen an der Tankstelle und schauen, wie das Benzin ins Auto läuft. Da ich beruflich sehr viel unterwegs war, hatte ich diese Situation nicht nur regelmäßig, sondern täglich, manchmal auch mehrfach täglich. Ich hab die großen Sprit-Lastwagen auf den Flughäfen gesehen und ich habe natürlich gesehen, was der Konsum nicht nur mit meinem Kleiderschrank, sondern auch mit einer Mülltonne macht. Und mir war immer irgendwie unwohl."

Reinen Tisch machen

Die Entscheidung fiel dann in einer Nacht, die der leidenschaftliche Jäger draußen in seinem Revier verbrachte: "Jetzt machst Du im wahrsten Sinne des Wortes reinen Tisch." Der "Ökorüpel" beschloss seine ganz persönliche Wiedergutmachung. "Die Vorstellung, dass in meinem Sterben der Planet sagt: Gut, dass er weg ist – die finde ich nicht gut. Also möchte ich tatsächlich wiedergutmachen, ausgleichen, ins Positive wenden, was ich bislang angerichtet habe."

Am Anfang stand eine Bestandsaufnahme dessen, was er "angerichtet" hatte: Zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von der TU Berlin erstellte er seine Lebens-Ökobilanz. Monatelang dokumentierte er jedes Detail: Welche Nahrungsmittel er verzehrte, wie viel Strom, Gas und Wasser er verbrauchte, wohin er reiste und mit welchem Verkehrsmittel. Am Ende füllte Dirk Gratzel eine lange Liste mit all den Dingen, die er besaß und woraus sie bestanden. Aus diesen Daten ließ sich errechnen, wie seine Bilanz bis dahin war.

Für eine grüne Null braucht es Kompensation

"Ich habe in meinem Leben bislang so über den Daumen etwa 1.175 Tonnen CO2 emittiert. Zum Vergleich: Wir wissen, dass die globale Ressource, die einem Menschen zur Verfügung steht, bei etwa anderthalb bis zwei Tonnen pro Jahr pro Mensch liegt. Ich bin gut 50 Jahre, also hätte ich hundert Tonnen emittieren dürfen. Kurzum, ich habe so viel globale Ressource verbraucht, wie für ein Dutzend Menschen zur Verfügung steht."

Schnell war klar, dass es auch der Verkauf des SUV und der Verzicht auf Flugreisen nicht mehr rausreißen würden. Auch nicht das Kurz-Duschen unter einer Minute oder die gebrauchten Kleider. Für eine grüne Null braucht Gratzel auch eine Art Kompensation, Bäume etwa, die in ihrem Wachstum Kohlendioxid binden. Deswegen hat Dirk Gratzel eine Industriebrache im Ruhrgebiet gekauft, auf der nun unter anderem ein Wald wachsen soll.

Beruhigt sterben

Und das ermöglicht einen sukzessiven Ausgleich dessen, was Folge seines vergangenen Verhaltens ist. Die aktive Wiedergutmachung empfindet Gratzel als großes Glück, einen Verlust an Lebensqualität sieht er für sich ohnehin nicht. "Ich bin das lebende Beispiel dafür, dass das nicht passieren muss, wenn man nachhaltiger existiert."

Wenn alles so funktioniert, wie der ehemalige "Ökorüpel" es plant, dann wird er mit Mitte 70 ein ökologisch ausgeglichenes Leben geführt haben. "Das würde mich extrem beruhigt sterben lassen!"

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 21.8.20, 19:35 Uhr

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