Dörte Hansen
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Ihr Debüt-Roman "Altes Land" wurde 2015 auf Anhieb zum Bestseller. Jetzt stellt Dörte Hansen auf der Frankfurter Buchmesse ihr neues Buch vor. In "Mittagsstunde" erzählt sie vom Niedergang eines fiktiven Dorfes in ihrer Heimat Nordfriesland. Ein Gespräch über traditionelle Mittagsschläfchen, Schlager der 60er und die Liebe zur plattdeutschen Sprache.

Der Himmel fehle ihr am meisten, wenn sie in der Stadt ist, erzählt Dörte Hansen. Auch jetzt in Frankfurt auf der Buchmesse. "Denn da, wo ich lebe, ist das Land doch relativ freigeräumt", sagt die Bestseller-Autorin, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter in einem Dorf in der Nähe von Husum lebt. Zu Hause bei den Hansens werde auch noch Plattdeutsch gesprochen.

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Und es gibt ein anderes nordfriesisches Ritual, das auch in ihrem neuen Roman eine wichtige Rolle spielt: das Mittagsschläfchen. Manchmal lege sie sich in ihrer Schreibstube platt auf den Teppich, weil sie dort kein Sofa für ein Nickerchen habe, erzählt sie lachend. Aus ihrem neuen Buch erfährt man, dass die Mittagsstunde von 12 bis 14 Uhr den Nordfriesen heilig ist. Ein typisches Ritual aus der Vergangenheit, wo das bäuerliche Leben noch den Tagesrhythmus bestimmt hat. "Es war wirklich ein eisernes Gebot: Man durfte seine Eltern nicht in der Mittagsstunde wecken. Sonst konnten sich selbst die liebsten Eltern in Barbaren verwandeln", sagt Hansen. Sie ist Jahrgang 1964 und wuchs in einem nordfriesischen Dorf auf, wo es eine winzige Dorfschule mit nur einem Lehrer gab.

Einbruch der Moderne in die traditionelle Dorfkultur

In ihrem neuen Roman geht es um ein fiktives Dorf namens Brinkebüll irgendwo in Nordfriesland. Auch dort haben sich die Zeiten geändert und die Menschen müssen klarkommen mit dem Einbruch der Moderne in die traditionelle Dorfkultur, die die Flurbereinigung in den 60er Jahren mit sich gebracht hat: "Man kann nicht mehr einkaufen, man kann nicht mehr zur Schule gehen, die Bäckerei ist zu, und dieser Wechsel von einem lebendigen Dorf zu eine Art Schlafdorf hat sich rasend schnell - innerhalb von 50 Jahren - vollzogen."

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Buchtipp

"Mittagsstunde"
von Dörte Hansen
Penguin Verlag
erscheint am 15.10.2018

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Jeder im Dorf reagiert anders. Da ist etwa Marret, eine etwas verrückte Frau, die durch das Dorf läuft und vom Untergang erzählt. Da sind ihre Eltern Sönke und Ella Feddersen - die beiden alten Besitzer des Dorfgasthofs wollen das Alte nicht loslassen und versuchen, die Kneipe am Laufen zu halten, schaffen es aber körperlich nicht mehr. Und da ist ihr Enkel Ingwer Feddersen, der längst aus dem Dorf in die Stadt geflüchtet ist und an den Wochenenden zurückkommt, um sich um die beiden Alten zu kümmern – auch aus einem schlechten Gewissen heraus, weil er den Dorfgasthof nicht weiterführen wollte. Er hat das Dorf zwar verlassen, hängt aber doch noch daran, und es hat ihn geprägt. "Vielleicht ist das auch mein Lebensthema, diese Frage, wo gehöre ich hin", meint Dörte Hansen. Sie ist schon öfter umgezogen, hat in der Stadt und auf dem Land gelebt, mag keine Option ausschließen.

Ein europäisches Thema

Die Bewohner von Brinkebüll beschreibt Dörte Hansen mit psychologischem Feingefühl und Humor. Dabei erliegt sie nicht der Versuchung, kitschig zu werden. Das sei für sie die große Herausforderung beim Schreiben gewesen, sagt die Autorin. Sie würde ihren Roman auch nicht als Heimatroman bezeichnen, für sie ist es ein "Herkunftsroman" und ein Buch über die Frage: Sind wir an unsere Herkunft eigentlich gebunden oder können wir uns auch frei machen davon?

Mit diesem Thema, das ja auch schon in ihrem Debütroman "Altes Land" anklang, scheint die ehemalige Journalistin einen Nerv zu treffen. Es ist ein melancholisches Buch, die Autorin bezeichnet den Ton als "volksliedhaftig". "Ich ringe um eine gewisse Einfachheit, ich will nichts komplizieren", sagt sie. Und die Themen, über die sie schreibt, beschränkten sich nicht nur auf Norddeutschland: Der Niedergang der Dorfkultur sei ein europäisches Thema, über das bisher noch kaum geschrieben wurde. Das möchte sie mit ihrem neuen Buch ändern. Brinkebüll ist eben überall.

Sendung: hr-iNFO, 12.10.2018, 19:35 Uhr

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