Dr. Umes Arunagirinathan, Herzchirurg und Autor

Ärztinnen und Pfleger am Limit, Bettenknappheit auf den Stationen, Profitdenken in der Medizin - der Bremer Herzchirurg Dr. Umes Arunagirinathan übt scharfe Kritik am Gesundheitswesen. Sein Ideal vom Arztberuf hat auch mit seiner Lebensgeschichte zu tun.

Dr. Umes hat gerade eine 24-Stunden-Schicht hinter sich. Notfälle und Operationen gab es diesmal nicht, so hat er wenigstens drei Stunden Schlaf bekommen. "Gar nicht so schlecht", meint er. In anderen Nächten steht er auch nach 20 Stunden Dienst plötzlich am OP-Tisch, um einen Notfall-Patienten am offenen Herzen zu operieren. "Mit genügend Adrenalin geht das, aber danach fühle ich mich wie eine ausgepresste Zitrone", sagt Dr. Umes und lacht. Er liebt seinen Beruf, trotz allem.

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Geboren wurde Umeswaran Arunagirinathan - das ist sein richtiger Name - 1978 in Sri Lanka. Seine Mutter nannte ihn als Kind "Umes" und so freut er sich, wenn er in der Klinik heute einfach Dr. Umes genannt wird. Das steht auch auf seinem Kittel. Aufgewachsen ist er mit dem Bürgerkrieg in Sri Lanka - seine Familie gehört zur Bevölkerungsgruppe der Tamilen - und mit der schweren Krankheit seiner Schwester, die früh starb. "Hätten wir doch nur einen Arzt in der Familie" - dieser Seufzer seiner Mutter hat seinen Berufswunsch geprägt. Mit zwölf ging Umes allein fort aus Sri Lanka, auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg und auf der Suche nach einem Land, wo er zur Schule gehen und Arzt werden konnte.

"Vom Tellerwäscher zum Herzchirurg"

Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling kam Umes Arunagirinathan 1991 in Deutschland an, lebte bei der Familie des Onkels in Hamburg, jobbte, um Abitur und Medizinstudium finanzieren zu können. Vom Tellerwäscher zum Herzchirurgen - wie hat er das geschafft? "Man kann im Leben vieles erreichen, man darf nur seine Ziele nicht aus den Augen verlieren", sagt Dr. Umes. "Und es gab viele wunderbare Menschen in Deutschland, die an mich und meine Zukunft geglaubt haben."

Heute leitet Arunagirinathan eine Intermediate Care Station am Klinikum Links der Weser in Bremen - eine Mischung aus Intensiv- und Normalstation für Patienten der Herzchirurgie. Da gibt es viel zu managen, für die eigentliche Medizin bleibt oft viel zu wenig Zeit, sagt Dr. Umes. Und vor allem zwinge das System der Fallpauschalen immer wieder dazu, nicht mehr den ganzen Menschen zu sehen, sondern nur einzelne Diagnosen, die abgerechnet werden können. "Natürlich müssen wir im Krankenhaus wirtschaftlich arbeiten", sagt Dr. Umes, "aber wir dürfen dabei den Menschen nicht aus dem Blick verlieren." Auch durch die Privatisierung vieler Kliniken sei Gesundheit zum Geschäft geworden, beklagt Arunagirinathan in seinem gerade erschienen Buch "Der verlorene Patient - Wie uns das Geschäft mit der Gesundheit krank macht".

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Buchtipp

"Der verlorene Patient - Wie uns das Geschäft mit der Gesundheit krank macht"
Von Umes Arunagirinathan
Rowohlt Verlag, 16 Euro

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Corona als Chance?

Zu der Belastung aller, die im Gesundheitswesen tätig sind, kommt jetzt noch die Corona-Krise. Geplante Operationen mussten und müssen verschoben werden, in einigen Fällen werden daraus Notfälle. "Das ist nicht gut für die Patienten", sagt der Herzchirurg. Den Plan, schwer kranke Covid-Patienten zentral zu registrieren und auf Intensivstationen in mehreren Bundesländern zu verteilen, findet er gut. Es müsse aber auch noch Kliniken geben, die andere Notfallpatienten aufnehmen und behandeln, "denn es sterben ja Menschen nicht nur durch Corona-Infektionen". Immerhin schaue die die Politik jetzt genauer auf die Situation in den Kliniken, meint Dr. Umes. "Corona ist auch eine Chance", findet er. So könne die Gesundheitspolitik auch im kommenden Bundestagswahlkampf eine größere Rolle spielen - endlich.

Nach dem Interview ist es für Dr. Umes höchste Zeit, ins Bett zu gehen. Doch um am späten Vormittag auch wirklich einschlafen zu können, muss er vorher noch ein paar Kilometer joggen.

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 16.11.2020, 19:35 Uhr

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