Enno Park

Park bezeichnet sich selbst als Cyborg: ein Mischwesen aus Mensch und Maschine. Er hat zwei Cochlea-Implantate im Innenohr, die ihm das Hören ermöglichen. Spätestens durch Smartphones habe die "Cyborgisierung" der gesamten Gesellschaft begonnen, meint er.

Enno Park hat äußerlich nichts von einem Terminator, RoboCop oder Borg aus Star Trek; er ist eher der gemütliche Bud-Spencer-Typ. Aber er weiß natürlich, dass viele gleich an Science-Fiction-Filme und gefährliche und übermenschlich starke Figuren denken, wenn sie das Wort Cyborg hören.

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Cyborg steht für kybernetischer Organismus - die Symbiose aus lebendem und technischem Material. Dass der Informatiker und Publizist aus Berlin sich selbst als Cyborg bezeichnet, hat einen medizinischen Hintergrund: Als Kind habe er bis zum Alter von zehn Jahren normal hören können, doch dann wurde er aufgrund einer unerkannten Maserninfektion fast taub.

Heute kann er mithilfe eines sogenannten Cochlea-Implantats in seinem Gehirn wieder hören. Das ist nichts Ungewöhnliches, allein in Deutschland haben rund 40.000 Patienten ein solches Cochlea-Implantat. Hinzu kommen Herzschrittmacher, künstliche Hüftgelenke und andere Technik, die wir uns nicht implantieren, aber ständig bei uns tragen, wie zum Beispiel das Handy.

Mit moderner Technik die Sinne erweitern

Die Technik krempelte Enno Parks Leben komplett um, für ihn sei es eine "rauschhafte Erfahrung" gewesen, wieder hören zu können und wieder einen Sinn zurückzubekommen, "der mich die Welt wahrnehmen lässt." Und er merkte schnell, dass sein Hörimplantat mehr kann als ein normales Ohr: "Das Allerschönste ist ausschalten können, darum beneiden mich alle."

Das Spannendste sei für ihn aber die Sinneserweiterung, denn mit seinem Hörimplantat könne er die Welt so klingen lassen, wie er es gerade brauche. "Ich kann zwischen verschiedenen Programmen umschalten: Wenn mir die Welt gerade zu laut ist, mache ich die Welt leiser. Wenn ich in der Philharmonie sitze und denke, die spielen mir gerade zu leise, dann mache ich halt etwas lauter." Oder wenn er mit Freunden in der Kneipe sitze, könne er störende Hintergrundgeräusche herausschneiden, um sich besser auf ein Gespräch zu konzentrieren.

Dass man also mit moderner Technik seine Sinne und Fähigkeiten erweitern kann, macht die "Cyborgisierung" aus. Enno Park hat sich auch in seiner linken Hand einen kleinen Chip implantieren lassen. Damit kann er theoretisch zahlen und den Personalausweis oder das Zugticket ersetzen, was in anderen Ländern wie zum Beispiel Schweden schon mehr verbreitet ist.

Wachsende Cyborg-Szene

Seit Jahren gibt es eine wachsende Cyborg-Szene aus Forschern, Künstlern und Hackern, die experimentieren, wie man den eigenen Körper mit Technik erweitern kann. Für die einen ist das eine gruselige Vorstellung, für andere faszinierend und zukunftsorientiert. Einer der Vorreiter ist der spanisch-britische Avantgarde-Künstler und Cyborg-Aktivist Neil Harbisson: der Mann mit der eingepflanzten Antenne im Kopf, der von Geburt an farbenblind ist und mittels der Technik in seinem Schädel Farben hören kann. Er war der weltweit erste anerkannte Cyborg überhaupt.

Neil Harbisson

Auf die Frage, ob sich Park eher als Freak oder Pionier sieht, antwortet er ganz klar: "Pionier" - und zwar "im Sinne des Ausprobierens dessen, was geht und was möglich ist." Dabei gehe es auch um die Frage, "ob wir von dieser Technik fremdbestimmt werden oder selber die Kontrolle über sie ausüben können." Deswegen wolle man Dinge selber bauen anstatt sie einfach nur zu kaufen und sich vorschreiben zu lassen, was man damit machen dürfe und was nicht.

"Zurück zur Natur gibt es nicht"

Enno Park hat 2013 den ersten deutschen Cyborg-Verein in Berlin mitgegründet, der regelmäßig Treffen und Vorträge zum Thema veranstaltet und wo Mitglieder und Interessierte über das Verhältnis von Mensch und Technik diskutieren. Der Verein möchte auch die Verschmelzung von Mensch und Technik kritisch begleiten. "Cyborg ist nicht ein Ideal, das Sie werden sollen", sagt Park, der auch Technikphilosophie studiert. "Es ist eher umgekehrt: Wir sind längst Cyborgs. Wir sind unglaublich verwoben mit unserer Technik insbesondere durch das Smartphone", lautet seine Gesellschaftsdiagnose.

Ihm ist es wichtig, beide Seiten der Medaille zu sehen, denn der technische Fortschritt habe den Menschen schon immer begleitet. "So ein klassisches zurück zur Natur gibt es nicht, das wäre sogar gefährlich", meint Park. "Aber auf der anderen Seite diese Technikeuphorie und 'wir müssen alles machen, was wir machen können' - das gibt es halt genauso wenig."

Sendung: hr-iNFO, 6.2.2019, 19:35 Uhr

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