Fredy Gareis
Fredy Gareis Bild © Patrizia Schlosser

Er hat das raue aber freie Amerika der Hobos für sich entdeckt: Fredy Gareis ist monatelang mit diesen legendären Vagabunden und Landstreichern illegal auf Güterzügen durch die USA gefahren. Das hat auch sein Leben nachhaltig verändert.

Hobos führen ein Leben außerhalb der Gesellschaft, aber sie sind völlig selbstbestimmt und frei – das hat Fredy Gareis von Anfang fasziniert. Wenn der Autor an die grenzenlose Freiheit denkt, die er zusammen mit den Hobos in den USA erlebt hat, erinnert er sich besonders an einen Moment, den er auf einem Güterzug von Utah nach Kalifornien mitten in der Wüste erlebt hat: „Diese fantastische Wüstenlandschaft und am Horizont noch schneebedeckte Berge vom Winter und dazu all dieser donnernde Stahl um einen drum herum, dieses Biest, das man sozusagen bezwungen damit man durch diese Landschaft reiten kann – das war wirklich Freiheit, wie sie so in den alten Büchern steht.“

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Die amerikanischen Hobos waren ursprünglich Wanderarbeiter und weit verbreitet, ihre große Zeit begann vor rund 150 Jahren mit dem einsetzenden Eisenbahnboom und dem Ausbau des Streckennetzes in den USA. Um schnell und kostenlos von einem Job zum nächsten zu gelangen, fuhren sie mit den Güterzügen durchs Land, lebten ohne festen Wohnsitz und vogelfrei. Der Hobo-Kult existiert heute noch. Gereizt habe ihn dieses Thema der grenzenlosen Hobo-Freiheit, sagt der Journalist und Schriftsteller, weil es eine Art „Anachronismus“ in den heutigen USA sei, wo Polizei und Armee hochgerüstet seien, seit Nine-Eleven eine gewisse „Paranoia“ herrsche und es vor allem um „ökonomische Freiheit“ gehe.

Stolz auf ihren Lebensstil

Im Gegensatz dazu stünden die Hobos „für dieses alte Motiv der amerikanischen Freiheit, fernab von Regierung und Gesetz und Steuermann sozusagen.“ Eigentlich habe er gedacht, „das gibt’s gar nicht mehr.“ Überrascht hat ihn auch das generelle politische Misstrauen der Hobos und ihr Hass auf die Regierung: er habe gedacht, dass er viele Hobos treffen würde, die Trump gut fänden, weil er die „abgehängten Weißen“ mitnehme. Aber das sei nicht so, denn die Hobos „haben selber so einen Stolz auf ihren Lebensstil“, sagt Fredy Gareis, „dass sie sich selber nicht als abgehängt sehen, sondern als die Elite des sozialen Kellers.“

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Fredy Gareis: König der Hobos, Malik Verlag, 16 Euro.

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Heute gibt es schätzungsweise zweieinhalbtausend Hobos in Amerika, viele tingeln allerdings nicht mehr von Job zu Job, sondern versuchen sich als Überlebenskünstler mit Betteln oder Musizieren durchzuschlagen. Eine amerikanische Subkultur mit eigenem Ehrenkodex und eigener Lebensphilosophie. Gareis konnte tiefe Einblicke in das Leben der Hobos gewinnen und Freundschaften schließen – z. B. mit Shoestring, einem wortkargen Einzelgänger, der ihn unter seine Fittiche nahm. Oder mit „Hobo-König“ Ricardo, der ihm zeigte, wie man sich als blinder Passagier auf Güterzügen durchschlägt und wie man diese Ungetüme aus Stahl „reitet“, was eine Wissenschaft für sich ist - und lebensgefährlich sein kann. „Also am besten, man springt gar nicht auf einen fahrenden Güterzug auf erst mal“, weiß Fredy Gareis, “weil damit steigt die Gefahr immens, auszurutschen und sich zu verheddern. Ich bin auf meinen ersten Güterzug gesprungen, der stand.“

Mit Bierdosen und Steinen beworfen

Der Journalist und Schriftsteller, der als Kind von Russland-Deutschen in Rüsselsheim aufgewachsen ist und schon immer auf der Suche nach dem Abenteuer und anderen Lebensformen war, hat schon viel erlebt: nach seiner Arbeit als Korrespondent in Tel Aviv fuhr er über 5000 Kilometer durch den Nahen Osten, den Balkan und Osteuropa mit dem Rad nach Berlin oder er reiste mit einem alten Militärjeep, per Anhalter und mit dem Zug quer durch Russland, um nach den eigenen Wurzeln zu forschen.

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Doch das Gefühl der Freiheit bei seinem Hobo-Abenteuer hat ihn nicht mehr losgelassen - obwohl das Leben der Hobos natürlich auch seine Schattenseiten habe, sagt Gareis: „Dieses draußen leben und vogelfrei zu sein, das fand ich sehr anstrengend. So unter der Brücke im Regen mehrere Tage rumzugammeln oder auch beschimpft zu werden von Leuten, die an einem vorbei fahren, und einen mit Bierdosen beschmeißen oder mit Steinen, das war hart.“ Dennoch sagt er: „Die Hobos haben mich schon berührt mit ihrem Freiheitsdrang und auch mit der Selbstverständlichkeit und dem Stolz, mit dem sie das durchziehen.“ Fredy Gareis hat sich anstecken lassen davon und will ab diesem Sommer sein Leben radikal ändern: Er hat die Wohnung gekündigt und wird mit seiner Partnerin künftig im Auto leben und umherreisen.

Sendung: hr-iNFO, 18.4.2018, 19.35 Uhr

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