Limburgs Bischof Georg Bätzing

Während Papst Franziskus die Kirchenoberen aus aller Welt zum Missbrauchsgipfel gerufen hat, geht die Aufarbeitung in den Bistümern weiter. Auch in Limburg, wo sich Georg Bätzing mit Opfern getroffen hat. Was hat er aus den Opfergesprächen mitgenommen?

"Wir haben lange Jahrzehnte den verkehrten Blick eingenommen", sagt Bischof Bätzing im Interview mit Oliver Günther und Klaus Hofmeister. Die Opferperspektive habe völlig gefehlt: "Wir haben auf uns geschaut: Schadet das der Kirche? Was ist mit den Tätern? Und wir haben nicht gesehen, dass Menschen so verwundet, so verletzt sind, dass sie oft ihr Leben gar nicht in den Griff kriegen."

Ende November vergangenen Jahres hatte Georg Bätzing die Opfer sexuellen Missbrauchs im Bistum Limburg aufgerufen, sich zu melden. Vier Betroffene hat der Bischof inzwischen persönlich gesprochen. Denn die Opferperspektive könne er sich ja nicht theoretisch aneignen, sagt er: "Es ist etwas anderes , wenn ein Mensch vor ihnen sitzt und sagt ihnen, der Priester ist tot, aber ich lebe. Da ist man in einer vollkommen anderen Situation."

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Bätzing erzählt auch von einer Frau, die sich schon als Kind offenbart hatte und die als Lügnerin hingestellt wurde. Allein der Satz 'Ich glaube Ihnen' aus dem Mund des Bischofs gesprochen, sei für sie vielleicht heilend gewesen. Besonders schwierig sei eine Geschichte gewesen, in der die Tat sowohl strafrechtlich als auch kirchenrechtlich kein Tatbestand war und trotzdem eine Form von Missbrauch gewesen sei. In all den Gesprächen habe er gelernt, jeden Fall anzunehmen und ernst zu nehmen. Er habe als Bischof die Verantwortung: "Ich komme da nicht raus. Ich muss das um der Opfer willen hören. Und das verändert einen schon, das bleibt nicht im Äußeren stecken."

Zölibat: "Es schadet der Kirche nicht, wenn Priester frei sind zu wählen"

Die von der katholischen Kirche in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie, die im Herbst veröffentlicht wurde, benennt den Zölibat ganz klar als Risikofaktor für sexuelle Gewalt. Auch die Mehrheit der Kirchenmitglieder wäre wohl für eine Abschaffung des Zwangs-Zölibats.

Sollte der Zölibat freiwillig sein? Sollten Priester heiraten dürfen? Georg Bätzing plädiert für einen differenzierten Umgang mit diesem Streitthema: "Es schadet der Kirche nicht, wenn Priester frei sind zu wählen, ob sie die Ehe leben wollen, oder ob sie ehelos leben wollen. Die Ehelosigkeit ist mit dem Priesteramt nicht wesentlich verbunden. Und wenn sie mehr und mehr zum Hindernis wird, dann müssen wir das überdenken."

Allerdings sei ihm persönlich der Zölibat nach wie vor "viel wert, so hat Jesus gelebt. Als Priester will ich nicht nur Funktionär sein, sondern auch in seinen Fußstapfen gehen." Er wisse aber, dass "in der Öffentlichkeit ein anderer Blick darauf" herrsche. "Das heißt für mich als Bischof, auch darüber nachzudenken." Eine Möglichkeit sei eine vom Papst autorisierte, nationale Lösung für eine Freigabe des Zölibats: "Diese Option muss uns gegeben werden, die können wir uns nicht nehmen. Der Papst muss uns rechtlich diese Möglichkeit geben."

Für offene Aufarbeitung früherer Missbrauchsfälle in Limburg

Zur Diskussion um die frühere Vertuschung und mangelnde Aufarbeitung von sexuellen Missbrauchsfällen im Bistum Limburg sagt Bätzing: "Wir brauchen einen unabhängigen Blick darauf. Gab es hier Fehlverhalten von Verantwortlichen? Das muss erhoben werden, das muss transparent gemacht werden, und wir werden es öffentlich machen."

Mit dem früheren Limburger Bischof Franz Kamphaus sei er dazu intensiv im Gespräch. "Bischof Franz verfolgt die Situation gerade nach Bekanntwerden der Missbrauchsstudie sehr genau. Im Grund sagt er jetzt schon: 'Aus der Perspektive von heute muss man sagen, wir haben Fehler gemacht. Und wir würden Situationen anders einschätzen.' Das berührt ihn sehr."

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Sendung: hr-iNFO, 20.02.2019, 19:35 Uhr

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