Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill

Randale auf dem Opernplatz, Drohschreiben des "NSU 2.0": Für Gerhard Bereswill gab es schon bessere Zeiten. Im Interview spricht er über gesellschaftliche Entwicklungen, das Dilemma der Frankfurter Polizei und mögliche rechte Netzwerke in den eigenen Reihen.

"Es sind Hemmschwellen gefallen", sagt der Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill - und meint damit nicht nur die Opernplatzrandale Mitte Juli, sondern eine generelle Entwicklung in der Gesellschaft. Denn Gewalt, die einem entgegenschlägt, erlebten nicht nur die Polizei, sondern auch Feuerwehrleute, Rettungssanitäter*innen, das Personal in Notaufnahmen, Lehrer*innen und Schiedsrichter*innen.

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Gerhard Bereswill im hr-iNFO-Studio mit Uli Höhmann
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In den rund zwei Wochen seit den Randalen auf dem Frankfurter Opernplatz ist viel diskutiert und berichtet worden, warum die Situation so dermaßen eskalieren konnte. Allerdings ist Gewalt gegen die Polizei kein völlig neues Phänomen, erklärt Bereswill: jung, männlich, Alkohol  - das seien altbekannte Faktoren. Auch dass Gruppen, die vorher gegeneinander gestanden haben, sich schlagartig solidarisieren, sobald die Polizei auftaucht, habe es schon immer gegeben. Neu hingegen sei, dass fast alle festgenommenen Personen vorbestraft sind wegen Körperverletzung, Diebstählen und Drogenhandel und dass Dreiviertel nicht aus Frankfurt sind. Randalieren in einer fremden Stadt, wo einen niemand kennt – auch das senke die Hemmschwelle, meint der Polizeipräsident.

Das Dilemma der Frankfurter Polizei

Nach den Krawallen auf dem Opernplatz wurden diese auch häufig in einen Zusammenhang gestellt mit den weltweiten Protesten gegen Polizeigewalt und Racial Profiling. Ein Thema, was Gerhard Bereswill mächtig umtreibt. "Dass jeder Mensch Vorurteile in sich trägt, dass er aufpassen muss, nicht in Schubladendenken zu verfallen", all das sei jedem Polizisten bewusst und ein regelmäßiges Thema bei Fortbildungen. Aber gerade in Frankfurt stecke die Polizei da auch in einem Dilemma.

Am Beispiel Drogenhandel im Bahnhofsviertel werde das deutlich, meint Frankfurts Polizeipräsident: 74 Prozent aller Drogendealer dort kämen von außerhalb der EU. Zähle man die Dealer aus dem europäischen Ausland noch hinzu, seien es weit über 90 Prozent. "Das heißt, es ist eine Ausnahme, dass da ein Mensch ohne Migrationshintergrund kontrolliert und festgenommen wird als Drogendealer." Trotzdem könne man bei Racial Profiling nicht von einem strukturellen Problem sprechen, so Bereswill, der sich gegen "Pauschalvorwürfe" wehrt, wie sie beispielsweise ein Bündnis mehrerer Anti-Rassismus-Initiativen in Frankfurt erhebt.

Eine unsägliche Entwicklung

Was gegen Vorwürfe dieser Art und der Polizei generell helfen würde, sei ein höherer Anteil von Polizist*innen mit Migrationshintergrund. Derzeit haben einen solchen aber nur etwa 15 bis 20 Prozent eines Jahrgangs der Polizei-Fachhochschule, weshalb ganz besonders die Polizei in Frankfurt in den entsprechenden Communities um Nachwuchs werbe.

Auch beim Thema NSU 2.0 wehrt sich Polizeipräsident Bereswill gegen den Vorwurf, dass es strukturelle Probleme in der hessischen Polizei gebe, die Rechtsextremismus begünstigten. Auf die Frage, ob er ein rechtsextremes Netzwerk in der hessischen oder Frankfurter Polizei vermute, antwortet er: "Nein, eindeutig nein." Es gebe Hinweise zu Einzelfällen an ganz unterschiedlichen Orten, die bisher aber noch keinen Zusammenhang aufwiesen. Und auch hier betrachtet der Polizeipräsident lieber das große Ganze: "rechte Tendenzen, eine Entwicklung, die ich persönlich unsäglich finde."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 31.7.2020, 19:35 Uhr

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