Sozialmediziner Gerhard Trabert

Trabert behandelt Geflüchtete auf Lesbos und Wohnungslose in Mainz. Er fordert die Politik auf, die Ärmsten der Gesellschaft nicht aus den Augen zu verlieren - gerade in Corona-Zeiten.

Gerhard Trabert wird wütend, wenn er über die Zustände im Flüchtlingslager Moria in Lesbos spricht. Vor sechs Wochen ist der Arzt nach Griechenland gereist, um die Geflüchteten vor Ort medizinisch zu versorgen. Was er dort erlebt hat, hätte er nicht für möglich gehalten.

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Über 20.000 Menschen hausten dort dicht gedrängt und zusammengepfercht in notdürftigen Behausungen. Es gebe nur eine Toilette für über 200 Menschen und keine medizinische Versorgung. "Das macht so unfassbar traurig, nachdenklich, melancholisch, aber auch wütend, dass wir das zulassen. Dass Menschen in Europa, einem der reichsten Kontinente, so behandelt werden und so leben müssen", sagt der 63-Jährige.

"Wir müssen jetzt solidarisch handeln"

Es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch in den Flüchtlingscamps das Coronavirus ausbreche, so Trabert. Denn die Menschen dürften das überfüllte Flüchtlingslager nicht verlassen, es gebe keine Schutzmaßnahmen, sanitäre Anlagen oder medizinische Hilfe. Viele alte, chronisch kranke Menschen könnten in dem Lager erkranken und sterben.

Die einzige Hilfe wäre, dieses Camp aufzulösen und die Menschen in Europa zu verteilen, so Trabert. "Wir müssen jetzt solidarisch handeln und nicht nur nationale Interessen im Fokus haben", fordert er. "Wir könnten ohne Probleme Tausende aufnehmen, wir haben die Infrastruktur, wir könnten sie in Quarantäne nehmen." Dass Deutschland bereits 47 unbegleitete Kinder und Jugendliche aufgenommen hat, ist laut Trabert nur eine Farce.

Früh geprägt

Gerhard Trabert kann Ungerechtigkeiten nur schwer ertragen. Er wuchs in einem Waisenhaus auf, weil sein Vater dort Erzieher war. Er habe früh erlebt, wie seine Spielkamerad*innen dort stigmatisiert, verurteilt und ausgegrenzt wurden. "Das hat mich hilflos und traurig gemacht. Und ich glaube, dass es mich sehr stark geprägt hat, als Erwachsener etwas gegen Ungerechtigkeiten zu tun, wo immer ich sie erfahre und empfinde", so der Mediziner.

Er hat erst Soziale Arbeit studiert, dann Medizin. Heute ist er nicht nur Hochschulprofessor. Mit einem umgebauten Sprinter versorgt er wohnungslose Menschen auf den Straßen in Mainz. Sein Motto: Wenn die Patientinnen und Patienten nicht zum Arzt kommen, dann kommt der Arzt eben zu ihnen.

Neue Wege

Auch hier stellt das Coronavirus ihn vor große Herausforderungen. Obdachlose Menschen sind besonders gefährdet, sich zu infizieren: Viele sind chronisch krank, haben mehrere Erkrankungen oder sind bereits älter. Zu Hause in Quarantäne bleiben, ist bei Wohnungslosen nicht möglich.

"Wir mussten ganz neue Wege gehen", so Gerhard Trabert. Er forderte die Stadt Mainz und das Land Rheinland-Pfalz auf, Hotelzimmer und Wohncontainer zur Verfügung zu stellen, um Obdachlose vor dem Virus zu schützen. 27 habe er so schon in Hotel-Einzelzimmern unterbringen können. Es fehle jedoch noch an Unterbringungsmöglichkeiten, um Infizierte zu separieren und zu behandeln. "Es ist so wichtig, den Menschen zu vermitteln: Sie sind uns wichtig. Deshalb sind wir weiterhin für Sie da, unter Wahrung der Schutzmaßnahmen. Aber wir sind weiter da".

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 1.5.2020, 7:00 Uhr

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