Gretchen Dutschke
Gretchen Dutschke Bild © Piero Chiussi

Am 11. April 1968 schoss ein Attentäter in Berlin auf die Symbolfigur der 68er-Studentenbewegung: Rudi Dutschke. Seine Frau Gretchen erinnert sich jetzt in einem neuen Buch an die Zeit vor 50 Jahren.

Gretchen Dutschke war 26, ihr erstes Kind gerade ein paar Monate alt. Da fielen die Schüsse am Berliner Ku‘damm. Drei Kugeln trafen ihren Mann, Rudi Dutschke – ein gezieltes Attentat gegen die Symbolfigur der 68er-Studentenbewegung. Rudi Dutschke überlebte mit schweren Hirnverletzungen, musste alles neu lernen, sein Leben war nicht mehr wie zuvor. "Rudi war ein angstfreier Mensch gewesen", erinnert sich Gretchen Dutschke. "Nach dem Attentat musste ich immer bei ihm sein."

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Mehr als zehn Jahre später starb Rudi Dutschke im dänischen Exil an den Folgen des Attentats, hinterließ seine Frau Gretchen und drei Kinder. Der jüngste Sohn hat ihn nie kennengelernt. Was erzählt Gretchen Dutschke heute ihren sieben Enkeln über Rudi? "Dass er ein liebevoller Mensch war. Dass er nicht nur uns geliebt hat, sondern dass er auch die Menschheit irgendwie geliebt hat. Dass er eine bessere Gesellschaft schaffen wollte.", erzählt sie.

"Zwangsprostitution" in der Kommune 1

Gretchen Dutschke wurde in den USA geboren und kam als Theologiestudentin nach Berlin. Sie heißt tatsächlich Gretchen, mit den deutschen Wurzeln einiger ihrer Vorfahren hatte das aber nichts zu tun. "Meine Eltern haben garantiert nicht gewusst, dass Gretchen ein deutscher Name ist", sagt sie lachend. "Von Goethe haben sie vielleicht nie gehört."

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Buchtipp

Gretchen Dutschke: "1968 – Worauf wir stolz sein dürfen"
224 Seiten
kursbuch.edition
22 Euro (gebundene Ausgabe)
ISBN: 978-3961960064

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Gretchen verliebte sich in Rudi, der gut aussah, dessen Ideen ihr gefielen, dessen Interesse auch an religiösen Fragen sie teilte. Und der ein Mann war, der die Befreiung der Frauen genauso wichtig fand, wie den Kampf gegen den Kapitalismus. Ganz anders als viele Genossen im Sozialistischen Deutschen Studentenbund oder in der Kommune 1, der ersten Wohngemeinschaft der 68er: "Da sollte alles offen sein, alle sollten miteinander schlafen", sagt Gretchen Dutschke. "Und wenn die Frauen nicht wollten, sollten sie das trotzdem tun. Also die Frauen waren wieder in einer Zwangsposition."

"Die kulturelle Veränderung wirkt noch heute"

Auch die 68er-Männer seien eben in der Nazizeit oder kurz danach geboren worden und in autoritären Familien aufgewachsen, sagt Gretchen Dutschke zur Erklärung. Um sie zu erreichen, habe die Frauenbewegung auch mal zu drastischen Maßnahmen greifen müssen – zum Beispiel Tomaten werfen, möglichst weich und matschig. Denn auch das Private sei politisch.

Gretchen und Rudi Dutschke im Jahr 1970
Gretchen und Rudi Dutschke im Jahr 1970 Bild © picture-alliance/dpa

Und gerade hier, im Verhältnis der Geschlechter, aber auch bei der Demokratisierung der Gesellschaft, habe 68 viel bewegt, meint Gretchen Dutschke. Diese "kulturelle Veränderung in Deutschland" wirke bis heute nach, sagt sie, und mache Deutschland "zu einem freien und offenen Land, wo Menschen gerne hinkommen.“ Auch wenn das kapitalistische Wirtschaftssystem nicht überwunden worden sei, könne man stolz sein auf 1968 und die Veränderungen, die die Bewegung angestoßen habe.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 14.3.2018, 19:35 Uhr

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