Hannes Ley

Hannes Ley ist der Gründer der Facebook-Gruppe #ichbinhier. Mittlerweile hat sie 45.000 Mitglieder. Ihr Ziel: Hasskommentaren die Stirn bieten und Zivilcourage im Netz zeigen.

Es war das Jahr 2016 als Hannes Ley beschloss: Jetzt reicht's! Schon länger beobachtete er, wie sich Fakenews, Rassismus und Hetze im Internet ausbreiteten. Und dann schlug der Hass in seinem Freundeskreis ein. "Ein Freund von mir ist Opfer eines Shitstorms geworden", sagt der 44-jährige Unternehmensberater. "Er hat zehntausende Drohungen und hunderte Morddrohungen erhalten. Er musste im Hotel wohnen und hat dann sogar seinen Job verloren." Und das nur, weil er darauf hingewiesen habe, dass Unternehmen ohne ihr Wissen Werbung auf rechten Seiten schalten.

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Hannes Ley wollte das nicht länger hinnehmen. Kurz vor Weihnachten hörte er von der schwedischen Initiative #jagärhär - zu Deutsch: #ichbinhier. Die Gruppe setzt sich in sozialen Netzwerken gegen Hass und Hetze ein, verbreitet Fakten statt Fakenews und zeigt Rassisten Grenzen auf – genau das, wonach Hannes Ley sich so lange sehnte.

Das Thema lässt ihn nicht los

Drei Tage später gründete er deshalb die Gruppe #ichbinhier in Deutschland. Das Ziel: Hasskommentaren die Stirn bieten und Zivilcourage im Netz zeigen. "Wir bleiben sachlich, wir bleiben empathisch und wir fragen nach, warum der andere wütend ist", erklärt der Kommunikationsberater. "Oder wir machen den anderen darauf aufmerksam, dass er gerade rassistische Äußerungen getätigt hat."

Hannes Ley hat sich schon früh mit dem Thema Hass, Hetze und Rassismus auseinandergesetzt. Er ist im tiefsten Ostfriesland aufgewachsen, ländlich, da, wo die Welt noch in Ordnung ist. Auf dem Heimweg von der Grundschule zeichnet ein Klassenkamerad dann ein Hakenkreuz in den Waldboden.  "Meine Mutter hat mir dann abends ein paar Bücher aufs Bett gelegt", erzählt der 44-Jährige.

Er habe daraufhin Das Tagebuch der Anne Frank und Als Hitler das rosa Kaninchen stahl gelesen. "Ich glaube, da habe ich das erste Mal die dunklen Kapitel der Menschheit gesehen." Bis heute lässt ihn das nicht los. Die Initiative #ichbinhier war seine Chance, etwas in Bewegung zu setzen.

Eine Alternative zum Hass bieten

Seit drei Jahren verbringt Hannes Ley Stunden und Tage damit, auf Hasskommentare zu reagieren. Ehrenamtlich in seiner Freizeit, oft sechs bis acht Stunden am Tag. Immer wieder sitzt er fassungslos vor dem Rechner. "Das sind Kommentare, die so zutiefst menschenverachtend sind, dass ich teilweise sprachlos bin", sagt er.

"Punktiert doch die Schlauchboote, auf dem Boden des Mittelmeeres ist genug Platz für alle", heißt es unter einem Beitrag zur Flüchtlingspolitik. Schnell wird Hannes Ley klar, dass er die geistigen Brandstifter, die Trolle im Netz, nicht überzeugen wird. Aber den stillen Mitlesern möchte er eine Alternative zum Hass bieten.

Es kostet Überwindung, Kommentare zu schreiben

Mittlerweile hat die Gruppe #ichbinhier über 45.000 Mitglieder auf Facebook. Nicht alle sind aktiv. "Es ist eine ganz schöne Hürde, einen solchen Kommentar zu schreiben", sagt Ley. "Sie sind auf einer offenen Bühne und müssen davon ausgehen, dass sie angegriffen werden. Das können viele gar nicht aushalten". Deswegen schreiben etwa 3000-5000 Menschen aus der Gruppe regelmäßig Kommentare auf Facebook, die anderen können diese Beiträge dann liken. Je mehr Aufmerksamkeit ein Kommentar bekommt, desto sichtbarer wird er für den Leser. "Wir sind sozusagen konstruktive Trolle. Besser gesagt: Liebes-Trolle", lacht er.

Um sich nicht in den Weiten des Netzes zu verlieren, geht die Gruppe regelmäßig auf etwa zwanzig Facebook-Seiten großer Medien und schaut sich die Beiträge und deren Kommentarspalten an. "Die Seiten, auf denen Kommentare nicht moderiert werden, haben die größten Probleme", so der Kommunikationsberater, "da kocht es regelmäßig über".

"Auf der anderen Seite sitzt ein Mensch"

Auch Hannes Ley ist schon zur Zielscheibe des Hasses geworden, ist bedroht und beleidigt worden. Er habe sich aber vorgenommen, keine Angst zu haben. "Das ist genau das, was diese Leute erreichen wollen: Dass man Angst hat, man eingeschüchtert ist und dass man aufhört, damit sie die Deutungshoheit behalten. Da kann ich nur sagen: das darf nicht passieren!"

Mittlerweile bietet Hannes Ley auch ein Konzept für eine bessere Diskussionskultur an Schulen an. Die Kinder sollen in verteilten Rollen über ein emotionales Thema diskutieren und so erfahren, wie konstruktive Kommunikation gelingen kann. Damit das Internet in ein paar Jahren ein Ort wird, an dem wohlwollend und positiv miteinander diskutiert wird.  "Ich kann nicht sagen, wie die Kommunikation in der Zukunft sein wird", sagt er, "aber ich würde mir wünschen, dass wir aus der Anonymität heraus respektvoller miteinander umgehen, weil wir wissen, auf der anderen Seite sitzt ein Mensch."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 28.11.19, 19:35 Uhr

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