Hanns-Christian Gunga
Bild © Hanns-Christian Gunga

Hanns-Christian Gunga wird die ISS-Mission von Alexander Gerst besonders interessiert verfolgen. Der Weltraummediziner hat schon früher mit dem Astronauten zusammen gearbeitet. Was erhofft er sich?

Wenn Alexander Gerst kommenden Mittwoch an Bord einer Sojus-Rakete vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur zu seiner zweiten Mission Horizons ins All aufbricht, wird Hanns-Christian Gunga auch in der Luft sein. Allerdings wird er im Flieger nach Amerika sitzen, um im Space Center Houston die nächsten Weltraum-Experimente vorzubereiten. Aber er drückt Alexander Gerst die Daumen, "dass alles klar geht und dass er gesund ankommt. Es ist dann schon schwierig genug die nächsten Monate da oben".

Gunga weiß wovon er spricht und das liegt nicht nur daran, dass er selbst schon mal einen Parabelflug absolviert hat, bei dem eine annähernde Schwerelosigkeit erreicht wird. Als Physiologe weiß er genau, was im Körper dabei passiert. "Das erste, was der Astronaut fühlt, ist dass ein Großteil der Flüssigkeit, die  normalerweise in der unteren Körperhälfte sich befindet, innerhalb von Sekunden in Richtung Kopf bewegt wird. Man sagt auf Englisch: the fluid ist coming – man merkt, wie man am Kopf voll läuft." Auf seiner Facebook-Seite hat Alexander Gerst ein Foto gepostet, wo er kopfüber auf einer schrägen Liege hängt, um das zu trainieren. Sein Kommentar dazu: "Komme mir vor wie eine Fledermaus. Jeden Tag 30 min."

Schwierige Momente der Schwerelosigkeit

Alexander Gerst
Bild © Alexander Gerst Facebook

Alexander Gerst am 25.5.2018 auf Facebook: "11 Tage bis zum Start. Komme mir vor wie eine Fledermaus. Jeden Tag 30 min. So gewöhnt sich mein Körper bereits vor dem Start an einige Effekte der Schwerelosigkeit, und kann z.B. dem Fluidtransfer in die oberen Extremitäten und Kopf besser entgegenwirken."

Weitere Herausforderung für den Astronauten im All: das sogenannte „Space-Adaptation-Syndrom“, das Hanns-Christian Gunga mit der Reisekrankheit zum Beispiel auf einem Schiff mit hohem Wellengang vergleicht.

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Als Experimentator hat er den deutschen Astronauten Alexander Gerst schon vor vier Jahren im Rahmen seiner ersten Weltraummission kennengelernt und jetzt auch wieder Experimente mit ihm am Boden vorbereitet. Während der Mission hat Professor Gunga aber in der Regel keinen Kontakt zu ihm, für die medizinische Betreuung sei ein Vertrauensarzt zuständig.

Der Gravitation ein Schnippchen schlagen

Hanns-Christian Gunga erforscht seit Jahren, wie Menschen in Extremsituationen reagieren – ob es um Hitze oder Kälte geht, um Sondereinsatzkommandos, für die besonderes Personal gebraucht wird oder eben um die Raumfahrt. Dabei macht die Weltraumforschung nur einen kleinen, aber sehr wichtigen Teil seiner Arbeit aus. Er hat als Wissenschaftler zum Beispiel an zahlreichen Raumfahrtmissionen und internationalen Studien teilgenommen und unter anderem Experimente der ISS und der russischen Raumstation MIR begleitet. Alexander Gerst war bereits bei seiner ersten Weltraum-Mission 2014, für die er den Namen "Blue Dot" gewählt hatte, Gungas Proband. Dabei musste er mit einem speziellen Sensor auf der Stirn seine Körpertemperatur 36 Stunden lang kontrollieren, um seine Schlafmuster zu verstehen. Diese Versuchsreihe wird nun auf der ISS fortgesetzt.

Zitat
„Weltraummedizin ist die beste und ausgefuchste präventive Medizin, die wir im Augenblick machen können.“ Zitat von Hanns-Christian Gunga
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Professor Hanns-Christian Gunga ist auch an dem sogenannten Myotones-Experiment beteiligt. Dabei sollen an Alexander Gerst die biomechanischen Eigenschaften des ruhenden menschlichen Muskels untersucht werden. Die Ergebnisse sollen für die astronautische Raumfahrt genutzt werden und künftig aber auch in die Rehabilitation nach Knochenbrüchen einfließen, also auch ganz normalen Patienten zu Gute kommen. Ein Punkt, der Hanns-Christian Gunga sehr wichtig ist, denn er betreibt keine "abgehobene" Forschung. Weltraummedizin sei etwas Irdisches, sagt er, denn man gewinne für die Behandlung von Patienten auf der Erde viel schnellere und effektivere Erkenntnisse aus der Raumfahrt, da man der Gravitation ein "Schnippchen schlage".

"Nehmen Sie nur die Forschung zum Muskel und Knochen", sagt Hanns-Christian Gunga, "es gibt kein Modell hier auf der Erde, was so schnell den Knochenstoff verändert, wie die Schwerelosigkeit. Ich kann zum Beispiel Untersuchungen zur Muskulatur und zum Skelett machen, die die Veränderungen in Jahrzehnten hier auf der Erde widerspiegeln, was ich da oben in einem halben Jahr sehe." Der Mann, der ursprünglich mal Geologie und Paläontologie studierte und über die Beschäftigung mit Dinosauriern zur Medizin mit Fachgebiet Physiologie wechselte ist sich sicher: "Weltraummedizin ist die beste und ausgefuchste präventive Medizin, die wir im Augenblick machen können."  

Sendung: hr-iNFO, 02.06.2018, 19.30 Uhr

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